Das Cembalo wird oft als der Vorläufer des Klaviers bezeichnet, und viele Künstler tragen keine Bedenken, die ihm von den alten Meistern zugedachten Werke in Konzerten und für die Schallplatte auf dem Flügel vorzutragen. Aber schon im vorigen Jahrhundert hat der bedeutende Pianist Anton Rubinstein geäußert, wenn er Bach spiele, fühle er immer das „merkwürdige Bedürfnis nach Registern“, und er erklärte unverblümt, daß die für das Cembalo geschriebenen Werke auf dem modernen Klavier viel von ihrem musikalischen Gehalt verlören. Tatsächlich ist für die selbständige Existenzkraft eines Instrumentes allein seine klangliche und dynamische Ausdrucksfähigkeit maßgebend. Hier aber führt das Cembalo mit der reichen Tonskala vom hellen Silber bis zur dunklen Bronze, mit seinen diese Skala noch variierenden, orgelartigen Registermöglichkeiten, mit seiner zarten melodischen Linie und der schleudernden Wucht der Akkorde ein ganz individuelles, vom Klavier unabhängiges Eigenleben. Bach war es, der diese Qualitäten bis zum Äußersten zu nutzen verstanden hat.

Joh. Seb. Bach: Goldberg-Variationen; Karl Richter (Decca LK 40 115). Das Wohltemperierte Klavier Buch I, Wanda Landowska (Electrola FALP 141/43). Ital. Konzert, Chromatische Phantasie u.Fuge; Georg Malcolm (Decca LW 5170). Cembalo-Konzerte; Karl Richter u. a. (Decca LX 35 001 u. LK 40 105). Li Stadelmann u.a. (Dt. Grammophonges. 14 050 APM). Brandenburgische Konzerte; Münchinger (Decca LXT 2540, 2501, LX 3029). Wenzinger (Dt. Grammophonges. 14 011, 14 012 APM, 13 016 AP), Ristenpart (Dt. Metronomges. DF 110/11).

Drei Faktoren haben nach einem Jahrhundert der Vergessenheit eine Renaissance des Cembalos herbeigeführt: die mit der Leipziger Bach-Ausgabe einsetzende kritische Handschriftenforschung, dazu die historischen Werbekonzerte der aus der Berliner Hochschule für Musik hervorgegangenen polnischen Cembalistin Wanda Landowska, endlich die Wiederaufnahme des Cembalobaues seitens bedeutender Klavierfabrikanten, die die Klangmajestät des alten Instrumentes noch zu erhöhen vermochten.

Wir haben schon früher Landowskas hervorragende Aufnahme der Goldberg-Variationen, dieses unerreichten Vorbildes aller späteren Klaviervariationenwerke von Beethoven bis Reger, besprochen. Nahezu gleichberechtigt stellt sich heute neben sie der junge Münchener Karl Richter. Sein Spiel besitzt zwar nicht die einzigartige Verbindung von stählerner Präzision, Vitalität und Farbigkeit, die das Charakteristikum der großen Polin ist, dafür aber bringt dieser Künstler den klaren Willen zu jener emotionellen Objektivität mit, die nach Ansicht vieler das A und O der Interpretation aller Barockmusik ist. – Im Ersten Buch des Wohltemperierten Klaviers, das – zwanzig Jahre vor dem Zweiten entstanden – einen geschlossenen Organismus darstellt, läßt Landowska dann konzentriert alle Kräfte ihrer nach jeder denkbaren Richtung überlegenen Darstellungskunst walten. Die Differenziertheit, die Grazie, die Macht ihrer Tongebung im Verein mit der geistigen Durchdringung des in dem Werk angehäuften gewaltigen Stoffel machen ihr Spiel zur Quintessenz einer ganzen Epoche. – Der Engländer George Malcolm bietet die weitaus beste, da lebensvollste Darstellung des Italienischen Konzertes sowie der Chromatischen Phantasie und Fuge.

Interessant ist, wieviel organischer sich im Vergleich zum Klavier das Cembalo dem Kammerorchester einfügt. Wir stellen dieses deutlich in den Badischen Cembalo- und in seinen Brandenburgischen Konzerten fest. Wenn auch die dramatische Spannung, die Cortot einst in seiner Electrola-Ausgabe der berühmten Solokadenz im Fünften Brandenburgischen zu verleihen vermochte,in keiner der vorliegenden Aufnahmen erreicht wird, so sind diese als Gesamtleistungen ihres unverfälschten Still und ihrer klanglichen Einheit wegen doch allen früheren überlegen. Von den hier mitwirkenden Cembalisten sind nochmals Karl Richter sowie neben ihm Li Stadelmann und Fritz Neumeyer hervorzuheben. Chr.