Der ideenreiche Direktor der Recklinghausener Kunsthalle, Thomas Grochowiak, hat eine der amüsantesten und eigenartigsten Ausstellungen, die wir seit langem gesehen haben, veranstaltet, indem er einmal alle „Deutschen Kunstpreisträger seit 1945“ mit ihren preisgekrönten Arbeiten zusammenholte. Das Unternehmen ist riskant, aber lehrreich, gibt es doch einen Querschnitt der offiziell gutgeheißenen Kunst. Selbstverständlich kann man eine solche Bilanz unserer Kunstpolitik nicht wie die üblichen Ausstellungen auf Neuerscheinungen, Tendenzen oder Einzelleistungen hin untersuchen. Bei ihr muß man Papier und Bleistift zu Hilfe nehmen, um die einzelnen Posten nachzurechnen und Quersummen zu ziehen. Denn hier bietet sich die einmalige Chance, den „besten“ Künstler durch Addition der Preise hinsichtlich Wert und Zahl zu ermitteln. Was sonst bei ästhetischer Begutachtung von vielen Unmöglichkeiten abhängt, kann hier in Zahlen objektiv ausgedrückt werden.

Hält man sich an die Höhe der Gesamtsumme, dann steht E. W. Nay, auf den Preise von 22 500 Mark gefallen sind, eindeutig an erster Stelle. Ihm folgt dicht Georg Meistermann, der in der Endsumme zwar geringer dotiert wurde, dagegen in der Zahl der Auszeichnungen – bisher fünf – an der Spitze liegt. Die Rangliste zeigt als nächsten Gerhard Marcks mit drei Preisen von insgesamt 19 000 Mark und einer Plakette, dann mit Abstand den viermal prämiierten Bernhard Heiliger, der etwa 10 000 Mark erhielt. Das gleiche Ergebnis erzielten die Bildhauer Gies, Lehmann und Mataré mit nur ein oder zwei Auszeichnungen. Zu den Spitzenreitern gehören ferner die dreimaligen Preisträger Karl Ehlers, Emil Schumacher und Schmidt-Rottluff. Keinen Preis bekam Willi Baumeister. Auch Purrmann und Heckel fehlen in der Liste, die an Prominenten sonst noch Kokoschka, Nolde und Pechstein nennt.

Die Ausstellung läßt aber mehr erkennen: Etwa, daß von rund 220 preisgekrönten Arbeiten nur 47 abstrakt (im weiteren Sinne) sind. Die Klagen über eine Bevorzugung gegenstandsloser Kunst sind also unbegründet. Auch die jungen Künstler, das heißt die bis Vierzigjährigen, schneiden nicht gut ab, obgleich außer den Stipendien des „Kulturkreises“ drei Preise (Baden-Würtemberg, Berlin, Westfalen) ausdrücklich für den Nachwuchs bestimmt sind und andere als Förderpreise geteilt werden können.

Manche Auszeichnungen in der Bundesrepublik, das kann man an dieser Ausstellung hinreichend erkennen, „hauen“ daneben. Von dem ersten Preisträger bei „Eisen und Stahl“ hat man beispielsweise nichts Bemerkenswertes seit der Verleihung gesehen.

Die Möglichkeit des Irrtums muß man dabei natürlich den Juroren zugestehen. Sie können keine „Ewigkeitswerte“ ermitteln, wenn das entsprechende Angebot fehlt. Was man von ihnen und den Verfassern der Preisurkunden erwarten dürfte, wäre mehr Originalität und weniger Schablonenurteil. Die unfreiwillige Komik mancher Argumente verleiht ihren lapidaren Sätzen oft hübsche Schnörkel, etwa wenn betont wird, daß der Maler Y. „von Geburt an“ der Kunst seiner Vaterstadt verbunden sei, oder daß der Maler Z. seine Form auch in Wort und Schrift begründet habe.

Preise, Preise: auch hier erhebt sich dieselbe Frage wie in der Literatur: sollen die Preise nicht abgelöst werden durch Förderungen, damit keine Hausse in Auszeichnungen entsteht? Dann freilich müssen auch die Länder und Großstädte hinzukommen, die im bisher kleinen Kreise der Förderer immer noch fehlen. Eduard Trier