Besuch bei Schleswig-Holsteins Bühnen

In Kiel haben seit Kriegsende mehrere namhafte-Männer modernes Theater gezeigt. Freilich: Seilner verließ die Stadt, in der seine und Franz Mertz’ Schauspielexperimente nicht, wie später in Essen und Darmstadt, ausreifen konnten. Der Bühnenbildner Max Fritzsche erzielte seinen neuen Höhepunkt erst dank der Partnerschaft mit Hans Schalla in Bochum. Ebensowenig konnte der Opernregisseur Karl Heinz Krahl in Kiel gedeihen, auch er ein moderner Mann, der anschließend zum Direktor der Zürcher Oper gewählt wurde. Man darf wirklich gespannt auf das Schicksal von Rudolf Meyer sein, der das Kieler Intendantenerbe Alfred Nollers angetreten hat. Dr. Meyer ist ein erfahrener Praktiker, der einen begrenzten Rahmen nicht überspannen wird. Aber Werkspitzen, mag ihre Substanz für viele problematisch bleiben, gelten auch ihm als selbstverständlich im Theater einer Landeshauptstadt.

„Penelope“, Rolf Liebermanns Heimkehrer-Oper, war das erste zeitgenössische Stück, an dem man das gegenwärtige Kieler Theaterpotential ermessen konnte. Unter Georg C. Winklers längst bewährter Musikleitung hat der neue Intendant ein erfreulich abgestimmtes Sängerensemble versammelt. Als Regisseur profilierte Meyer die antike und die moderne Stilebene so geschickt, daß die doppelbödige Handlung stark konzentriert erschien.

Zu zeitgenössischem Musiktheater setzte auch die junge Oper der Stadt Flensburg an. „Der Kontrabaß“, ein Einakter nach Tschechow von dem vierzigjährigen Italiener Valentino Bucchi, erlebte so weit nördlich seine deutsche Erstaufführung. Die Musik, der das Vorbild von Richard Strauß noch anzumerken ist, verfehlt die beabsichtigte Symbolisierung menschlicher Charaktere durch verschiedene Orchesterinstrumente. Aber Bucchi kann Situationen und Stimmungen knapp formulieren. Er besitzt musikszenische Phantasie, deren treibende Kraft die Freude an der Parodie zu sein scheint. Für seinen „Kontrabaß“ spricht außerdem, daß man ihn als Satyrspiel hinter „Cavalleria rusticana“ spielen kann.

So geschah’s in Flensburg. Die originalitalienische Gastregie von Frank de Quell (auch ein Florentiner) konnte uns allerdings weniger imponieren als der Enthusiasmus, mit dem Intendant Heinrich Steiner Oper auf Nachwuchsstimmen gründet. Am eindrucksvollsten war die Souveränität, die Heinrich Steiner, den Dirigenten, auszeichnet. Er ist gleichzeitig Generalmusikdirektor des selbständigen Nordmark-Symphonieorchesters. Von dieser Kulturarbeit an einer deutschen Grenze weiß man im Binnenlande wenig. Ein Musiker, der vor zwei Jahrzehnten bereits Chefdirigent des Berliner Rundfunks war, muß wohl die persönliche Kultur von Heinrich Steiner besitzen, um der Gastierkarriere das verantwortliche Amt vorzuziehen. Damals in Berlin konnte man die vier Steiner-Brüder zuweilen beim öffentlichen Quartettspiel hören, neben Heinrich als Pianisten den Geiger, den Bratscher und den Cellisten, die alle den Musikernamen Steiner rühmlich bekanntgemacht haben.

In Flensburg nun muß der deutsche Generalmusikdirektor Steiner einer dänischen Qualitätskonkurrenz begegnen. Die Königliche Oper, die Königliche Kapelle, das hervorragende Rundfunkorchester und das berühmte Ballett aus Kopenhagen gastieren in Flensburg. So besitzt auch das deutsche Publikum unprovinzielle Maßstäbe. Die eigene Volksgruppe im dänischen Nordschleswig zu betreuen, bildet eine wichtige Nebenaufgabe für das Flensburger er Schauspiel. Durch Heinrich Steiners Dirigentenpersönlichkeit ist Flensburg aber auch ein weitausstrahlendes Musikzentrum geworden. Im Deutschen Haus hat jedes der zehn Symphoniekonzerte rund 1700 Hörer. Sechs Flensburger Konterte werden in Husum, fünf in Schleswig wiederholt; nördlich der Staatsgrenze finden drei Konterte in Hadersleben und eins in Tondern statt. In Deutschlands nördlichstem Kulturbezirk hat der verschlissene Titel „Generalmusikdirektor“ noch seinen Sinn. Schönster Erfolg solch uneitlen Wirkens: wenn die Kunst nationale Grenzen überwindet, wenn oberhalb der wechselseitigen „Minderheiten-Betreuung“ sich Deutsche und Dänen gemeinsam als Hörer zusammenfinden im Dom zu Hadersleben, wo Steiner mit Flensburger und Hummer Kräften eine Bruckner-Symphonie, Beethovens Missa solemnis oder das Deutsche Requiem von Brahms aufführt.

Schleswig-Holsteins „kalte Ecke“ hat, wie einst das flache Kolonialland, zwischen Flensburg und Kiel zwei musische Missionsstationen: Schleswig und Rendsburg. Beide Städte sind Sitz von „Landesbühnen“. Darunter versteht man Theater, die mehr als die Hälfte aller Vorstellungen außerhalb ihres Standorts geben. Sie müssen mindestens zehn Abstecherorte „bespielen“. Intendant Wulf Leisner (Rendsburg) sagt sogar: „Wir stehen im Schützengraben.“ Die Landesregierung erkennt solche Pionierarbeit an, indem sie für beide Bühnen den überwiegenden Teil des freilich sehr bescheidenen Zuschusses beisteuert. In den ländlichen Gegenden Schleswig-Holsteins gibt es breite Volkskreise, die für das Theater erst noch gewonnen werden müssen. Dabei gilt es, lokale Imponderabilien einzukalkulieren, die so theaterfremd wohl in keinem anderen Landesbühnenbezirk Deutschlands auftreten. Hier hat sogar die vielgescholtene Operette noch eine Kulturfunktion. Musik, Dekoration und die Leiblichkeit von singenden und tanzenden Darstellern, die scheinbar große Welt verkörpern, das wirkt im grauen Land am Meer noch als Werbung für das Theater schlechthin. Wir sahen im Rendsburger Haus eine Vorstellung von Nico Dostals „Clivia“. Alle Achtung vor der Sauberkeit und dem Elan dieser Wiedergabe! Interessant, daß Intendant Leisner die vier Operetten seines Spielplans als eine kostenfressende Belastung, nicht als die anderswo immer wieder vorgeschobene Einnahmesteigerung bezeichnet.