K. B., Istanbul, im November

Die Ausweitung des Nahost-Konflikts zum offenen Krieg hat auch die Türken aus Ihrer Lethargie aufgerüttelt, in die sie angesichts ihrer wachsenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten, der latenten Inflation und der in Auswirkung der „Genfer Entspannung“ immer geringeren Aussichten auf großzügige Dollarhilfe gefallen waren Inzwischen haben sich die Unkenrufe der Pessimisten als berechtigt herausgestellt: die Gefahr einer sowjetischen Einkreisung ist durch die Einflußnahme der UdSSR in den arabischen Nachbarstaaten äußerst akut geworden. Auch wenn es nicht deutlich ausgesprochen wird, ist man von den bis zum ersten Weltkrieg dem Osmanischen Reich angehörenden arabischen Völkern, ihrem Nationalismus und ihrer Uneinigkeit niemals recht begeistert gewesen (diese Gefühle beruhen natürlich auf Gegenseitigkeit), während man Israel in gewisser Weise als Verbündeten betrachtete. Um so sorgenvoller blickt man hier auf die sich anbahnende Verbindung zwischen den Sowjets und den Arabern.

Aber diese sogar von dem Mann auf der Straße begriffene neue Situation hat auch eine andere Seite, die besonders die türkische Geschäftswelt hoffnungsvoll stimmt. Nach 1945 erhielt der aktivste Partner der USA im Nahen und Mittleren Osten in sieben fetten Jahren einige Milliarden Dollar Militär- und Wirtschaftshilfe. Den Geldgebern gefiel jedoch immer weniger die Verwendung der Hilfsgelder; und als sich nach der Genfer Konferenz in der Weltpolitik eine Entspannung anbahnte, begannen die Amerikaner, ihren türkischen Bundesgenossen immer mehr auf die Finger zu sehen, so daß das Ende des Dollarstromes bald abzusehen war. Nun hat die politische Entwicklung in dieser Region die Türkei zum vielleicht ausschlaggebenden Bundesgenossen gemacht, und die Hoffnungen auf eine tatkräftige wirtschaftliche Unterstützung sind wieder gestiegen.

Ohne eine zusätzliche Kapitalspritze wird sich aber die türkische Wirtschaft aus ihrer völlig verfahrenen Lage nicht retten lassen. Sogar Türken vertreten heute die Auffassung, daß ihr Land in den letzten vier Jahren ein Beispiel dafür gegeben hat, wie man eine an sich auf gesundem Fundament stehende Volkswirtschaft schnell und sicher „abwirtschaften“ kann. Nach dem zweiten Weltkrieg war die Türkei in einer ausgesprochen günstigen Situation. Arbeitskräfte, Inlandkapital und eine reichliche Dollarhilfe standen zur Verfügung, um die wirtschaftliche Entwicklung des Landes voranzutreiben und den Lebensstandard trotz der schnell zunehmenden Bevölkerung zu erhöhen.

Aber das Vorbild der Leistungsfähigkeit von Industrie und Landwirtschaft in den großen Industriestaaten und der Wunsch, diesen Vorsprung in möglichst kurzer Zeit einzuholen, haben den Blick für die realen Möglichkeiten der türkischen Wirtschaft getrübt. Zu gleicher Zeit wurde mit dem Bau umfangreicher Verkehrs-, Bewässerungs- und Energieanlagen sowie zahlreicher Fabriken begonnen, so daß die gesamte Kapazität an Kapital, Facharbeitern und Devisen vollständig in Anspruch genommen wurde. Um den Devisenanfall zu erhöhen, mußte aber auch die Agrarproduktion gesteigert werden. Als Anreiz wurden den Bauern für ihre Erzeugnisse Abnahmepreise garantiert, die erheblich über dem Weltmarktpreis lagen. Die Differenz mußte der ohnehin schon überlastete Staatshaushalt übernehmen: die Notenpresse wurde also in Gang gesetzt, mehr landwirtschaftliche Maschinen wurden eingeführt, die Devisen reichten nicht mehr aus, die Transferrückstände wuchsen von Monat zu Monat, und als sich die Schulden der Milliarden-Dollar-Grenze näherten, war es auch für eine Abwertung, d. h. für eine Anpassung der Inlandpreise an die Weltmarktpreise zur Stabilisierung des Staatshaushaltes und der Kaufkraft zu spät – ein fast beispielloser „circulus vitiosus“ wirtschaftspolitischer Fehlentwicklungen...

Noch vor zwei Jahren hätte man dieser Entwicklung durch die Beschränkung der Investitionsprogramme Einhalt gebieten können. Tatsächlich wurde aber – auf der Jagd nach Wählerstimmen – mit einer neuen Industrialisierungswelle begonnen. Auf dem Programm standen beispielsweise Dutzende von Zement- und Zuckerfabriken, deren Kapazitäten über der gegenwärtigen Aufnahmefähigkeit des türkischen Binnenmarktes liegen, so daß man exportieren muß, natürlich zu Preisen, die erst vom hohen Inlandniveau auf die Weltmarktpreise hinabgeschleust werden müssen – ein weiterer Gefahrenherd für die Inflation.

Kennzeichnend ist, daß der Ansatzpunkt für die im Sommer dieses Jahres (viel zu spät) in Angriff genommene Inflationsbekämpfung nicht in der radikalen Beschränkung der Ausgaben des Staatshaushaltes und der zahlreichen öffentlichen „Entwicklungs“- Institutionen gesucht wurde, sondern in der privaten Wirtschaft, deren Anteil am gesamten Produktionsvolumen auf Grund der intensiven öffentlichen Betätigung in den letzten Jahren schon stark zurückgegangen ist. Die eigentlichen Träger der Inflation, die großen Staatsbanken für Bergbau, Industrie und Landwirtschaft, die zentrale An- und Verkaufsstelle für Agrarerzeugnisse und der Staatshaushalt, werden dagegen von den neuen Maßnahmen bisher nur wenig berührt. In aller Eile ausgefertigte, oft improvisierte und sich widersprechende Dekrete mit wohlklingenden Bezeichnungen brachten mehr Verwirrung als Ordnung in das Chaos des ohnehin schon durch zu viele gesetzliche Maßnahmen paralysierten Wirtschaftslebens. So wurden z. B. die Gewinnmargen von Großhändlern, Importeuren und auch Industriellen so scharf begrenzt, daß jeder Warenumschlag zu einem Verlustgeschäft zu werden drohte und deshalb unterblieb. Schließlich mußten die Gewinnmargen wieder erhöht werden.