Die weltpolitische Krise der letzten Wochen mit ihrem Höhepunkt am 6. November hat etwas von ihrer Schärfe verloren. Man muß sich aber darüber im klaren sein, daß ohne die neuen Ordiungskräfte, die in der Weltwirtschaft zur Geltung gebracht werden und die ihren Verlauf künftig in steigendem Maße bestimmen dürften, auch dieWelt-Rohstoffmärkte nach ihrem ersten Oberbarden Ende Oktober nicht so schnell ihre Funktionsfähigkeit wiedererlangt hätten. Zu diesen Kräften zählen in erster Linie die Errichtung und Entsendung einer internationalen Polizeitruppe in das Krisengebiet, ferner die Sicherung der Waffenruhe in Ägypten, die militärische Bereitschaft der USA und nicht zuletzt die sich anbahnende Annäherung zwischen Washington und Neu-Delhi.

Die Auswirkungen der schwerwiegenden Ereignisse in Ägypten und Ungarn auf die Bedarfsgestaltung an den Rohstoffmärkten haben sich bisher als relativ gering erwiesen. Es waren weder neue Speicherungskäufe der Regierungen noch massivere Vorauskäufe der verarbeitenden Industrien zu beobachten. Nach den ersten Angstkäufen und eiligen Deckungen, die namentlich bei industriellen Rohstoffen eine größere Befestigung ausgelöst hatten, zeigten sich bereits Anfang November die ersten Entspannungsanzeichen, die sich auch über die nächsten kritischen Tage unter leichten Schwankungen fortgesetzt haben.

Zu den Gründen für die Zurückhaltung der Käuferseite gehören die Bemühungen um eine Lokalisierung des Konfliktes sowie die von Präsident Eisenhower proklamierte Nichteinmischung in die Verhältnisse des Mittleren Ostens. Dazu kommt, daß die USA im Zuge ihrer seit Jahren planmäßig durchgeführten Speicherkäufe an strategischen Rohstoffen sich im kritischen Moment als ein wichtiger Marktstabilisator auf dem Gebiet der Buntmetalle erwiesen haben. Als einziges Metall verzeichnete Zinn einen Preissprung von 809 auf 890 £ je Tonne in London, von dem es inzwischen rund die Hälfte wieder eingebüßt hat. In hausse-minderndem Sinne wirkte sich daneben die seit dem Frühjahr zunehmende Rohstoffproduktion und der von dieser auf die Preise ausgeübte leichte Druck aus. Ebenso ist der Umstand, daß die USA – und Kanada besonders für Getreide – im Agrarbereich über umfangreiche Überschußbestände verfügen, als ein weiterer Konsolidierungsfaktor zu bewerten.

Die sich anbahnende Normalisierung im Welt-Rohstoffhandel kommt deutlich in einer besonnenen und zumeist auf Abwarten eingestellten Haltung der Verbraucherkreise zum Ausdruck. Dies trifft auch auf diejenigen Rohwaren zu, die zumeist östlich des Suezkanals erzeugt werden (Zinn, Naturgummi, Jute und Tee). Temporäre Versorgungsschwierigkeiten gehen hier auf gewisse Transportverzögerungen zurück. In dem Maße, in dem die Wiedereröffnung des Suezkanals infolge der Beseitigung der durch Wracks entstandenen Schäden näherrückt, dürfte eine langsame Entspannung in der Versorgungslage Platz greifen und die Preisbestimmung dann wieder von der jeweiligen statistischen Lage des einzelnen Produktes abhängen. Die Londoner Kupfer-Notierungen haben sich nach anfangs größeren Schwankungen zwischen 263 und 298 £ je Tonne zuletzt auf Basis der 280-£-Grenze bzw. leicht darüber eingespielt. Die amerikanischen Großproduzenten haben, um dem Preisverfall entgegenzuwirken, in der zweiten Oktoberhäfte eine Produktionsbeschränkung beschlossen. Diese ist zwar je nach Lage des Konzerns zwischen 8 und 15 v. H. recht verschieden bemessen, ihr Zweck aber ist unmittelbar auf eine Stabilisierung der Verhältnisse am Weltkupfermarkt und auf eine Überwindung der Verbrauchs-Stagnation gerichtet. Einer zur Zeit reichlichen Versorgung mit Kupfer steht auf der anderen Seite eine ziemliche Knappheit an Zinn, besonders in den nahen Lieferungen, gegenüber. Die Londoner Zinnbestände sind nicht nur auf rund 300 t zusammengeschrumpft, vielmehr trägt zur Hochhaltung der Zinn-Notierungen wesentlich die lebhafte Weißblech-Konjunktur in USA und die stärkere Angleichung zwischen Weltzinngewinnung und Weltzinnverbrauch mit dazu bei, so daß nur geringe sichtbare Vorräte vorhanden sind.

Nach anfänglicher leichter Abschwächung war an den Kautschukmärkten nach dem 7. November, erneut ein leichtes Anziehen der Londoner Kautschuk-’ notierungen auf 30 pence und darüber zu verzeichnen. Nachdem schon im Oktober die Nachfrage für sowjetische Rechnung aufgelebt war, sind auch in der zweiten Novemberwoche von chinesischer Seite in Singapore gleichfalls größere Mengen aufgenommen worden. In den USA wird eine Mangellage keineswegs befürchtet, da rund zwei Drittel des nordamerikanischen Konsums auf Kunstgummi entfallen. Der Weltverbrauch an Naturgummi hat im September gegenüber dem Vormonat eine Zunahme um 12 000 auf 150 000 t erfahren. – Die Aufwärtsbewegung auf den überseeischen Wollauktionen und den Kammzug-Terminmärkten hat hat – wenngleich unter wiederholten Schwankungen – ihren Fortgang genommen. Bei der Preisbildung spielen natürlich auch die erhöhten Frachtsätze eine Rolle. Die stärkere Nachfrage seit dem 8. November ist in erster Linie durch die militärischen Entwicklungen mit beeinflußt worden. Die Folge war, daß abgesehen von Japan, Großbritannien und dem Festland auch die USA erstmals seit Beginn der neuen Wollsaison zu regeren Anschaffungen in Übersee geschritten sind. – Die amerikanischen Baumwollmärkte haben ihre stabile Tendenz beibehalten. Die auf 13,15 Mill. Ballen reduziertediesjährige USA-Ernteschätzung führte an den dortigen Baumwollbörsen zunächst zu einem leichten – Ausschlagen des Preispendels nach oben, wovon namentlich die späteren Termine berührt wurden, Ebenso wirken Überlegungen hinsichtlich des Bodenbank-Programms kaufanregend. Infolge neuer Sicherungsverkäufe ging ein Teil der Preiserholungen wieder verloren. R.