Der Romanschriftsteller, wenn er seinen Inhalt aus zeitgeschichtlichem Stoff wählt, bedient sich mit „Rücksicht auf lebende Personen“ der Ver-Schlüsselung und gibt heute außerdem die Versicherung ab, jede Ähnlichkeit seiner Figuren und seiner Handlung mit realen Erscheinungen oder Begebenheiten sei der schiere Zufall. Man war früher weniger vorsichtig. Bierbaum hat im „Prinz Kuckuck“ darauf verzichtet und auch im Impressum von

Lion Feuchtwanger: „Erfolg – Drei Jahre Geschichte einer Provinz.“ Rowohlt, Hamburg; 808 S., 16,80 DM,

fehlt ein solcher Hinweis. Ein gewagteres, schärferes Buch über Bayern in den Inflationsjahren, über das München dieser Zeit mit seinem ewigen Anti-Berlin-Affekt und dem Hitler-Putsch ist nie geschrieben worden. Als es kurz nach der „historischen Reichstagswahl“ vom 14. September 1930, dem ersten Nazisieg „auf Reichsebene“ (wie man damals allerdings noch nicht sagte) bei Kiepenheuer erschien, als Thomas Mann gerade seine Rede im Berliner Beethovensaal gehalten hatte, war es eine Sensation. Leider nur eine literarische. Dem deutschen Menschen, der den „Jud Süß“ fünf Jahre vorher noch in Hunderttausenden von Exemplaren verschlungen hatte, fehlte es an Humor dafür, daß man so mit ihm und seiner jüngsten Vergangenheit, aus der über düsterer Gegenwart bereits eine strahlende Zukunft heraufzuglänzen schien, ins Gericht ging.

Zugegeben, ein Buch voll bitterer, böser Wahrheiten, ein kühner Griff in ein Nest peinlicher Erinnerungen und der reine Hohn auf das, was gerade damals als neuer Mythos in Kneipen und auf Schießplätzen erfolgreich zu werden begann. Eine einzige „jüdische Frechheit“ war das, einen Mann namens Rupert Kutzner zu erfinden, die erste Hitlerfigur in einem deutschen Roman, die den ganzen faulen Zauber der windigen Affäre von 23 zelebrierte. Es war an der Zeit, daß Rowohlt, der seit kurzem das aus zahlreichen historischen Romanen bestehende Werk Feuchtwangers verlegt, auch diesen Roman wieder herausbringen würde. Anno 30 kam er zu früh – ob er 26 Jahre nachher nicht etwas zu spät kommt? Im Jahre 45 wäre er jedenfalls ein Labsal gewesen.

In einer nach vielen Seiten ausgreifenden Handlung geht es da um das Schicksal eines Münchner Galeriesubdirektors, der auf Grund eines meineidigen Zeugen unschuldig verurteilt wird. Freunde und eine Frau bemühen sich, teils ohne besonderes Tempo, teils mit aller Leidenschaft, seinen Fall von neuem aufzurollen. Es hat auch den Anschein, als könnte er die Freiheit wiedererlangen, aber in dieser Zeit, der Oskar Maria Graf in seinem ersten Buch die Aufschrift gab „Wir sind Gefangene“, ging es schließlich um Höheres als ein „Einzelschicksal“. Die Inflation bedeutete mehr als nur Geldentwertung, der Ruhrkampf mehr als die zwangsweise Eintreibung von Kohlenlieferungen durch Ententemächte, und die „Wahrhaft Deutschen“ unter Rupert Kutzners Führung betrieben ihren Putsch, den ihnen dann im entscheidenden Moment die bayerische Politik zuspielte und über Nacht vermasselte. Neben den für die Romanhandlung nötigen Figuren bewegen sich zahllose historische Zeitgenossen, die zu entschlüsseln heute schon recht schwierig geworden ist. Kein Nachteil für den Leser, der sich nun nicht mehr wie seinerzeit bemühen muß, Hans Gruß, den Direktor des Deutschen Theaters, quasi den Rudolf Nelson Münchens, Herrn von Kahr, den Minister Schweyer oder Karl Valentin zu erkennen und an ihren Vorbildern zu messen. Da diese Gestalten der Zeitgeschichte aber keine eigenen, aus sich lebensfähigen Erfindungen, sondern nur Vexierbilder des Autors sind, ist damit auch die relative Lebensdauer eines solchen Romanversuchs gegeben. Stefan Andres hat im Prolog zu seiner noch immer unvollendeten „Sintflut-Trilogie“, dem großangelegten Versuch einer Darstellung der Epoche der deutschen Diktatur und ihrer Anfänge mit den Mitteln des mythologischen Romans, die Problematik solcher Romangestalten höchst geistvoll definiert. Alois Moosthaler, seine Hitlerfigur, ist denn auch eine freie Erfindung, an der gemessen Rupert Kutzner nur Chronikwert hat.

Was in diesem historischen Roman, der einmal ein Stück kaum vergangener Gegenwart festhalten wollte, dem Leser von heute noch grimmiges Vergnügen machen wird, ist die Authentizität, die Glaubwürdigkeit seines Freskos in Weißblau vor düsterem Hintergrund, das durchaus echte, Feuchtwanger selbst von Jugend auf vertraute Lokalkolorit, auch wenn er einen sehr problematischen Ludwig Thoma zeichnet und sich selbst in nicht sehr fesselnder Weise als Schriftsteller Jacques Tüverlin vorstellt. Den Thoma konnte er nicht leiden, aber sicher dürfte sein, daß nach Thoma nie wieder Charakterisierungen bayerischer Lebensläufe und Gewohnheiten von ähnlicher Anschaulichkeit und gleicher Kunst, der Frozzelei geschrieben worden sind. Das vierte Buch, „Politik und Wirtschaft“, das Hauptstück dieser Chronik, enthält Abschnitte, die ein Recht darauf haben, neben Thomas Einleitung zu seinem „Agricola“ oder einer Glosse wie „Der Krieg“ genannt zu werden. Im ganzen härter, freier von Gefühlsmomenten – nicht von ungefähr, denn Feuchtwanger hat einmal mit Brecht gearbeitet, den er hier in ironischer Sicht als planbegeisterten Ingenieur Kaspar Pröckl auftreten läßt. Wo bei Thoma die Affinität zu Th. Th. Heine oder Gulbransson und dem „Simplicissimus“ gegeben ist, besteht sie bei Feuchtwanger zu George Grosz und dem „Querschnitt“.

Das bayerische Kulturministerium täte gut und wieder gut, in seine Schullesebücher Stücke aus dem „Erfolg“ aufzunehmen. Konrad Stemmer