Die Verringerung lateinischer Gebete im Gottesdienst, so wird aus Rom bekannt, ist von der katholischen Kirche in Erwägung gezogen worden. Anregungen dazu kamen vom Klerus aus aller Welt, besonders aus den Missionsgebieten der asiatischen Völker und aus den Vereinigten Staaten, wo die Zahl der Katholiken bedeutend zugenommen hat. Vorschläge für die teilweise Verwendung der entsprechenden Landessprache wurden nicht nur für die Messe, sondern auch für das Brevier gemacht.

Nun hat bereits Papst Pius XII. mehr Änderungen und Reformen in der katholischen Liturgie als irgendein anderer Papst vor ihm seit der Reformation eingeführt. Viele der Anregungen hat er bereits aufgenommen, doch verschloß er sich dem Gedanken einer anderen Sprache statt des Lateins in der Messe.

In einem Dokument des Erzbischofs Edwin V. O’Hara‚ das er kurz vor seinem Tod in Italien im Herbst dieses Jahres verfaßt hatte, fanden die zahlreichen Anregungen aus Amerika ihren Niederschlag, soweit sie aus den Berichten der Mehrzahl, nämlich von 93 amerikanischen Bischöfen hervorgehen. In diesem Gutachten des amerikanischen Erzbischofs hieß es, daß der größte Teil derLaien kein Latein versteht und so während zu langer lateinischer Strophen den „Kontakt verliert“. Doch habe sich die belebende Wirkung von englischen Textteilen in den reformierten Zeremonien der „Heiligen Woche“ im Frühjahr dieses Jahres als ein Argument für eine weitere Benutzung der Landessprache gezeigt.

Auch aus Frankreich kamen Empfehlungen – noch mehr jedoch müssen die Anregungen aus Österreich überraschen, da gerade im deutschen Sprachraum das seit 1884 herausgegebene deutsch-lateinische Meßbuch des bekannten Benediktiners Anselm Schott mit seiner mustergültigen Übersetzung und Erklärung nicht nur der liturgischen Bewegung in diesem Sinn schon einen starken Auftrieb vermittelt hat, sondern den hier zur Diskussion stehenden Änderungswünschen zum Teil zuvorkam. Trotzdem ist heute in Österreich der Ordensgeistliche Joseph Jungmann – ein führender und anerkannter katholischer Experte für Fragen der Liturgie – Befürworter einer Einschränkung der dominierenden Bedeutung des Lateins. In den Zusammenkünften kompetenter katholischer Repräsentanten im Herbst dieses Jahres in Italien führte der Jesuitenpater aus, daß Latein weder die einzige führende Sprache des Katholizismus noch dem Laientum so unverständlich wie heute gewesen sei. Allein der Gebrauch des aramäischenWortes „Amen“ in der Messe zeuge von anderen Sprachen. Griechisch sei auf jeden Fall früher als Latein die Sprache der Messe in den beiden ersten nachchristlichen Jahrhunderten gewesen. Bis ins Mittelalter hinein sei Latein die Sprache der Gebildeten gewesen, und auch das Volk – wiederum in Europa – habe bis dahin alles, was in den Gottesdiensten in Latein gesagt worden sei, verstanden. Erst seit dieser Zeit, als sich die Nationalsprachen entwickelten, sei – mit den Worten dieses liturgischen Sachverständigen – in sprachlicher Beziehung eine „Nebelwand“ zwischen dem Priester und seiner Gemeinde entstanden.

Auf dieser liturgischen Versammlung erklärten einige amerikanische Kleriker, daß Latein sowohl für den Priester als auch für den Laien Schwierigkeiten entstehen läßt. Ein Geistlicher bekundete, daß kaum ein amerikanischer Priester in Latein denke oder es leicht lesen könne; für sie wäre das Recht, Englisch an Stelle von Latein für die Lesung des täglichen Breviers benutzen zu können, eine Erleichterung.

Bei seiner Gegenwart in einer dieser Beratungen im vergangenen Herbst in Rom sagte Papst Pius XII., bei dem die letzte Entscheidung liegt, daß „ernste Gründe“ die Beibehaltung des lateinischen Ritus erforderlich machen, soweit die Zugehörigkeit zu diesem besteht. Diese Einwendung deutet auf einige morgenländische Kirchen mit anderen Kirchensprachen hin – Kirchenslawisch, Griechisch, Koptisch, Arabisch –, die unter Beibehaltung ihrer kirchlichen Eigenheiten ebenfalls zur römisch-katholischen Kirche gehören und die Oberherrschaft des Papstes anerkennen. Der Pontifex nannte seine Gründe nicht im einzelnen. Aber die Kurie erklärte dazu, daß „in einer Welt, in der man von Rom aus in zwei Tagen nach Tokio und in 18 Stunden nach New York gelangen kann“, es eine große Hilfe für die Kirche sei, eine Altarsprache zu haben, die überall in den Ländern der Welt die gleiche ist. Otto Tappen