Trotz manch böser Beispiele der jüngsten Vergangenheit darf festgestellt werden, daß in den letzten Jahren der Stil der modernen Industrie-Berichterstattung besser geworden ist. Mehr und mehr erkennen große wie kleine Firmen, daß mit dem Wandel der Zeiten die konservative Form der Gesellschaftspublizität überholt ist und eine Öffentlichkeitsarbeit ganz anderer Art als früher notwendig wird. Es fällt auf, daß Hauptversammlungen von Aktiengesellschaften stärker als früher von jüngeren Menschen zwischen 25 und 40 Jahren besucht werden, daß diese Aktionäre das Wort ergreifen, Fragen stellen und debattieren wollen. Eine junge Generation ist dabei, in Aktien einzusteigen, eine junge Generation erwartet und verlangt nun auch von den Gesellschaften und ihren Verwaltungen einen modernen Stil des Kontaktes und der Zusammenarbeit.

Hat das deutsche Aktienwesen diesen Wandel begriffen? Die Antwort lautet ja und nein. Ende Oktober veranstaltete der Bundesverband der Deutschen Industrie, Arbeitskreis Pressefragen, eine Aussprache zwischen namhaften Vorstandsmitgliedern großer Aktiengesellschaften, zahlreichen Public Relations-Chefs und einigen Wirtschaftsredakteuren des Rhein-Ruhr-Gebietes zum Thema Industrie-Publicity. Auf dieser Tagung waren die üblichen Fronten vertauscht. Die Unternehmen waren die Fragenden, die Wirtschaftsredakteure die Antwortenden. Aus der Bearbeitung einer Fülle von Geschäftsberichten, dem Besuch Hunderter von Hauptversammlungen der letzten Jahre steht der Wirtschaftspublizistik ein Erfahrungsschatz zur Verfügung, der zusammen mit einer vorzüglichen statistischen Erarbeitung dieses Themas durch Dr. Mansfeld vom Deutschen Industrieinstitut dazu beitrug, sozusagen eine dreidimensionale Photoserie über den Publikationsstil der Aktiengesellschaften zur Schau zu stellen.

Wir begrüßen jeden Ausbruch aus der konservativen Eintönigkeit nichtssagender und juristisch abgefaßter Jahresberichte und Bilanzen. Daß dabei noch nicht alles ein echter Stil ist, der den alten Rahmen sprengt und in neuer Aufmachung und mit neuem Inhalt an die Öffentlichkeit tritt, ist klar. Aber selbst grelle und marktschreierische Berichterstattung ist besser als gar keine. Sie wird sich abfeilen und den guten Vorbildern nachzueifern beginnen. An guten Vorbildern ist erfreulicherweise das deutsche Aktienwesen nicht arm: Wort, Farbe, Bild und Ton, Film, Vortrag und Diskussion, Werkbesichtigungen, Einzelbesuche und Briefwechsel gehören in das moderne Repertoire. Zwar sind wir noch nicht so weit wie die Amerikaner, die ihren Geschäftsberichten oder Werkzeitschriften kleine Schallplatten mit einer Ansprache des Generaldirektors beilegen, die die Empfänger abspielen und sich anhören können. Aber auch in Deutschland geht man schon sehr weit voraus. So überlegt sich zur Zeit ein Unternehmen, das erheblich mehr als 50 000 Aktionäre zählt, seine nächste HV über den Fernsehsender laufen zu lassen. Eine groteske Idee? Wir möchten sagen: Nein. Sicherlich ein Wagnis. Aber warum sollte es nicht gelingen? Und dann wird es Schule machen.

Doch zwischen diesem pionierhaften Vorstoß und jenen Aktiengesellschaften, die selbst heute nur mit Ach und Krach das Mindestmaß der gesetzlich festgelegten Publizität erfüllen (also ihre Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung im Bundesanzeiger veröffentlichen und ein Exemplar mit einem Jahresbericht in den Geschäftsräumen zur Einsicht auslegen), liegt die Streubreite guter und schlechter Öffentlichkeitsarbeit. Dazu einige Zahlen aus jener schon zitierten Arbeit. Von den 1555 Aktiengesellschaften in der Bundesrepublik mit 13,6 Mrd. DM Kapital wurden 570 mit 12,1 Mrd. DM Kapital erfaßt. Für 63 v. H. des erfaßten Aktienkapitals wird mehr als die gesetzlich vorgeschriebene Publizität getrieben, während 37 v. H. höchstens die gesetzlich vorgeschriebene Mindestpublizität üben. So ist der Gesamtdurchschnitt. Er ist für die einzelnen Branchen sehr verschieden. Eine sehr schlechte Öffentlichkeitsarbeit treibt fast die gesamte Konsumgüterindustrie, also die verbrauchsnahen Erzeuger. Darunter fallen die Feinkeramik und Glasindustrie, Holz, Druck und Zellstoff, Ledererzeugung und Verarbeitung, Bekleidung und Chemiefasern, Musikinstrumente und Spielwaren, die allgemeine Ernährungsindustrie, Ölmühlen und Brauereien, außerdem die Bauindustrie. In diesen Bereich ist die neuzeitliche Entwicklung noch kaum eingedrungen. Hier herrscht das Althergebrahte, das Unpersönliche, ja vielfach sogar das Aktionärfeindliche.

Am besten schneiden Chemie, Mineralöl-, Kohlenwertstoffindustrie und Gummiindustrie ab, für die die Statistik einen Anteil zwischen 86 und 90 v. H. aus jenen Firmen addiert hat, die weit mehr, als es die gesetzlichen Vorschriften erfordern, zu bieten bereit sind. Es folgt dann mit rund 87 v. H. Anteil die Eisen- und Stahlindustrie und der Verarbeitungsbereich, ferner die elektrotechnische Industrie. Stahlbau, Waggonbau, Maschinenbau und Schiffbau, Feinmechanik und Metallindustrie erreichen einen Durchschnitt von über 73 v. H., während nur knapp 27 v. H. mit der Mindestpublizität vorliebnehmen. Bei 50 : 50 legt der Bergbau aller Arten, wobei nach unseren Erfahrungen der Steinkohlenbergbau wesentlich besser gruppiert sein dürfte, als der Durchschnittssatz erkennen läßt.

Die Rangfolge der Publizitätsbereitschaft ist natürlich nicht ganz zufällig. Müssen und Wolen sind ungleichmäßig verteilt. Chemie und Stahlindustrie gehörten zu den bevorzugten Entflechtungsobjekten der Alliierten. Neue Gesellschaften entstanden und mußten sich im Markt vorstellen. Die Nachfolger der IG Farben, die Nachfolger der Vereinigten Stahlwerke mit ihrem teilweise erheblichen Besitz an Tochtergesellschaften der Weiter-Verarbeitung aller Arten mußten – ob sie wollten oder nicht – mit großzügiger Öffentlichkeitsarbeit in das Blickfeld des Marktes rücken, wenn sie ihre Produktionen verkaufen wollten. Sie mußten mit Öffentlichkeitsarbeit auch an den Kapitalmarkt heran, um die Milliardensummen der Investitionen durch Aktien oder Obligationen, durch Darlehen oder Bankkredite zu erhalten. Daß dabei von den deutschen Firmen Neuland beschritten wurde, daß sie dies teilweise mit amerikanischen Krücken durchwanderten, ist angesichts des amerikanischen Vorsprungs auf diesem Gebiet durchaus richtig gewesen. Inzwischen haben sich längst firmeneigene Formen entwickelt, die ein echtes Spiegelbild der vielseitigen deutschen Industriewirtschaft abgeben.

Der Stil der modernen Industrie-Publicity ist noch am Anfang und vielen Wandlungen unterwarfen. Die Art, mit der Hauptversammlungen geleitet, Aktionäre bedient oder abgefertigt, Geschäftsberichte geschrieben und angereichert werden, wird weiterhin kritisch betrachtet werden müssen. Manche Firmen haben begonnen, Quartalsberichte herauszugeben. Andere versenden Aktionärbriefe in einfacher oder anspruchsvoller Form. Die Möglichkeit, nach den Hauptversammlungen einen Sitzungsbericht zu schreiben und diesen an die Aktionäre zu versenden, wird allerdings praktisch noch nicht genutzt. Dagegen hat das Mannesmann-Beispiel, einen Aktionärbrief in Illustriertenform zu bringen, viel Anklang gefunden. Er sollte ähnlich wie die Esso-Magazine einen über die Aktionäre hinausgehenden Verbreitungskreis finden, sollte an die Politiker und an die Universitäten, auch an die höheren Schulen und an die Berufsschulen gehen, da sie immer wieder geeignet sind, der Lehrerschaft ein vorzügliches Material für Geologie oder Geophysik, für Warenkunde und andere Dinge zu bieten. Das ist Öffentlichkeitsarbeit im weitesten Sinne, ohne dabei amerikanisches Ausmaß zu erreichen. W.-O. Reichelt