Die ersten Wettbewerbe in Melbourne zeigten die schon traditionelle Überlegenheit der Nordamerikaner, die sich in den bislang entschiedenen Disziplinen der Leicht- und Schwerathletik bereits zehn Gold-, vier silberne und drei Bronzemedaillen holten. Ihnen folgen die Russen mit drei Goldmedaillen, sieben silbernen und drei bronzenen vor Neuseeland, Italien und der Tschechoslowakei mit je einer Goldplakette. Das gastgebende Land Australien dieser zum erstenmal in der südlichen Hemisphäre stattfindenden Spiele holte sich bis jetzt eine Goldmedaille, eine silberne und vier bronzene. Ungarn, dessen Mannschaft ein begeistertes Willkommen erhielt, hat eine Silbermedaille und eine bronzene Medaille gewonnen, Frankreich und Deutschland eine silberne, und Iran, Polen, Schweden, Finnland und Korea je eine bronzene Münze erhalten.

Deutschland, das mit so großen Hoffnungen in die Kämpfe zog, operierte sehr unglücklich. In einen Endkampf sind in den ersten Tagen allein Manfred Germar, der Fünfter im 100-m-Lauf wurde, und die Potsdamerin Christa Stubnick gelangt. Hier bot sie nun allerdings eine prächtige Leistung und holte sich hinter der australischen Weltrekordlerin Betty Cuthbert die Silbermedaille mit knappem Vorsprung vor der zweiten Australierin Marlene Matthews. Seit 1936 ist Christa Stubnick die erste Deutsche, die eine Silbermedaille über die kurze Sprintstrecke erringen konnte. Die 800-m-Läufer scheiterten auch alle bereits in den Vorläufen. Eine gute Leistung vollbrachten allein unsere Amateurfußballer, die gegen Rußlands Nationalmannschaft eine ehrenvolle Niederlage erlitten. Die Sowjets gewannen 2:1.

(Siehe auch den Sonderbericht aus Melbourne im politischen Teil.)

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In Melbourne wurde die Absicht bekanntgegeben, nach den Olympischen Spielen die Leichtathleten Westdeutschlands und der Sowjetzone zu einem, einzigen Verband „Deutschland“ zusammenzuschließen. Man hat zu diesem Zweck beim Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) zu dem gleichen Mittel gegriffen, mit dem das Internationale Olympische Comité (IOC) die Meldung nur einer deutschen Mannschaft für Melbourne erzwungen hat. Der Sowjetzone war erklärt worden, daß ihre vorläufige Aufnahme in das IOC nur endgültig sei, wenn sie sich mit dem Nationalen Komitee des Westens einigte. So geschah es – mit Erfolg. Genau den gleichen Weg hat nun die IAAF beschritten. Endgültig wird die sowjetzonale Sektion Leichtathletik ihr nur angehören, wenn künftig bei internationalen Sportveranstaltungen eine gesamtdeutsche Leichtathletikgruppe gemeldet wird. Der durch diese Forderung ausgelöste Zwang entspricht genau den Wünschen der aktiven Sportler beiderseits des Eisernen Vorhanges, endlich wieder gemeinsam Sport treiben und Wettkämpfe austragen zu können.

Nach 30jähriger Zugehörigkeit zu den höchsten Gremien des Sportes ist der Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg aus dem Internationalen Olympischen Comité ausgeschieden, einer der ältesten Und begeistertsten deutschen Sportsleute und allseits anerkannter Sportführer von Format. Zu seinem Nachfolger wählte man den Präsidenten des Deutschen Sport-Bundes, Willi Daume. Mit der Ernennung des Herzogs zum Ehrenmitglied des Comités, einer Würde, die bisher nur fünfmal verliehen worden ist, haben seine ehemaligen Kollegen. ihm ihren Dank abstatten wollen für seine Arbeit, Zu einer Zeit, da der Sport noch viel umstritten war und schwer zu kämpfen hatte, half er der jungen Sportbewegung tatkräftig, wo immer er es, nur vermochte.