Von Marion Gräfin Dönhoff

Die uralte Geschichte vom Samariter, der dem, der unter die Mörder fiel, beistand, kann zwei verschiedenartige Kommentare herausfordern: die Freude darüber, daß es noch Samariter gibt, und die mit Abscheu getroffene Feststellung, daß Mörder unter uns leben. Beide Versionen sind richtig, aber für sich allein genommen, ist jede der beiden Feststellungen unvollständig. Zwar mag der eine zuerst die Figur des Samariters sehen, dem anderen zunächst die Tat des Mörders ins Auge fallen, aber wer mit der politischen Wirklichkeit zu tun hat, muß wissen, daß es nirgends in der Welt und zu keiner Zeit nur Samariter oder nur Mörder gab.

Dies muß man sich vor Augen halten, wenn man im Licht der fürchterlichen Ereignisse im Osten unsere eigene Situation überdenkt. Am 18. Oktober, gerade ehe die sowjetischen Kanonen ihre volksdemokratische Stimme in Ungarn erhoben, forderten wir an dieser Stelle, Berlin müsse wieder Sitz der Regierung werden. Uns schien, daß nach zehnjährigem Wiedervereinigungsgeschwätz nun wirklich der Moment gekommen ist, die Beschwörungen zukünftigen Tuns einzustellen und sich auf das zu konzentrieren, was im Moment getan werden kann: mit der Verlagerung von Ministerien und Bundesorganen nach Berlin zu beginnen und den weiteren Ausbau von Bonn einzustellen. – In einer Art Stoßtruppunternehmen hat dann der CDU-Abgeordnete Bucerius der CDU/CSU-Fraktion am 26. Oktober den Antrag abgerungen, Berlin wieder zur Hauptstadt zu machen und dort sogleich mit dem Wiederaufbau eines Parlamentsgebäudes zu beginnen. In Berlin selbst brachten SPD, CDU und FDP gemeinsam am 30. Oktober den Dringlichkeitsantrag ein, die deutsche Hauptstadt Berlin zur Aufnahme von Bundesorganen auszubauen.

Inzwischen sind nun – vielleicht weil im außenpolitischen Bild die Mörder so sehr in den Vordergrund getreten sind – die zaghaften Geister wieder eingeschüchtert worden. „Die Bonner“ hätten, wie es heißt, verhindern wollen, daß die Tagung des Kuratoriums „Unteilbares Deutschland“ in der vergangenen Woche in Berlin stattfand – ein Versuch, der glücklicherweise scheiterte, während leider erfolgreich verhindert wurde, daß der Bundespräsident vor diesem Forum sprach. Als wäre der geplante Umzug nach Berlin eine Art „Ritt gen Ostland“ und nicht der legitime Umzug aus der provisorischen Hauptstadt in die angestammte! So, als habe es sich bei jenem Antrag um den übermütigen Einfall von Kindern gehandelt, die der Hafer sticht, und die erschreckt von ihrem Vorhaben ablassen, weil ein Erwachsener die Stirn runzelt.

Der Ausbau Bonns zur provisorischen Hauptstadt hat, auch wenn nur zwei Ministerien neu gebaut wurden, mehrere hundert Millionen verschlungen. Heute könnte man die Neu- und Umbauten für die 8000 Beamten und Angestellten der sechzehn Ministerien noch nutzbringend für diejenigen Institutionen, die nicht unbedingt mit umziehen müssen, verwerten; wenn aber jetzt für die 2500 Beamten und Angestellten des Verteidigungsministeriums ein Wolkenkratzer zum veranschlagten Preis von 55 Millionen DM gebaut werden soll, dann fängt die ganze Sache an, unsinnig zu werden. Berlin ist die Hauptstadt Deutschlands – Bonn ein Provisorium. Das Wesen des Provisoriums ist, daß man sich von vornherein darüber im klaren ist, daß es in absehbarer Zukunft sein Ende finden muß. Elf Jahre sind eine lange Frist für ein Provisorium. Nirgendwo steht geschrieben, daß es noch weiterdauern muß. Und ebenfalls steht nirgendwo geschrieben, daß der Sonderstatus von Berlin verletzt würde, wenn der Sitz der Bundesrepublik dorthin verlegt wird. Beweis: Als die Regierung der DDR in Pankow, also in Ostberlin, etabliert wurde, hat keine der ehemaligen vier Besatzungsmächte Einspruch erhoben.

Der Ausschuß des Berliner Abgeordnetenhauses, der unter Führung, von Präsident Brandt die Möglichkeiten prüfte, Berlin zur Aufnahme von Bundesbehörden auszubauen, hat am 26. November seinen Bericht erstattet, aus dem hervorgeht, daß die technischen Schwierigkeiten (Unterbringung) weit geringer sind, als man zunächst angenommen hatte. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß Bonn heute über 150 000 Quadratmeter Bürofläche verfügt und daß Berlin 182 000 Quadratmeter Bürofläche zur Verfügung stellen kann.

Der Regierende Bürgermeister, Professor Otto Suhr, hat in der vorigen Woche einen Baustopp für Bonn gefordert. Das bedeutet, wenn zusätzlicher Raum benötigt wird, dann sollen nicht mehr Neubauten in Bonn errichtet, sondern mit der Verlegung von Ministerien nach Berlin begonnen werden. Also zum Beispiel das Postministerium nach Berlin und das Verteidigungsministerium in das neue Gebäude des Postministeriums in Bonn. Seit Ernst Lemmer an der Spitze des Postministeriums steht, scheint die Hoffnung, daß dies auch wirklich geschieht, gerechtfertigt.