In den letzten Börsentagen der vergangenen Woche kam es bei den Hauptaktienwerten zu einer bemerkenswerten Kurserholung. Sie basierte auf der zunehmenden Bereitschaft der Inlandskundschaft, auf der niedrigen Kursbasis Meinungskäufe vorzunehmen. Außerdem tätigten einige Investmentgesellschaften Anlagekäufe. Beide Gruppen zusammen wären kaum in der Lage gewesen, die Tendenz wesentlich zu beeinflussen, wenn nicht das Wertpapierangebot aus ausländischer Hand stark abgenommen hätte. Die Verkäufe deutscher Wertpapiere, die in den vergangenen Wochen hauptsächlich über die Schweiz vorgenommen wurden, haben den Markt hart belastet. Um eine allzu große Beunruhigung der inländischen Kundschaft zu vermeiden, waren potente Stellen auch außerhalb der Börse aufnahmebereit. Steuern wir jetzt auf eine allgemeine Beruhigung der weltpolitischen Lage zu, dann wird sich das Kursniveau weiter stabilisieren, wenngleich größere Bewegungen nach oben vor dem Jahresultimo kaum mehr erwartet werden können.

Für die europäischen Ausländer, die sich von ihren deutschen Wertpapieren (und sonstigen Engagements) lösten, ergab sich die Frage, wohin sie die Erlöse transferieren sollten. In der jetzigen Situation erschien auch die Schweiz nicht als „sicher“ genug. Als geographisch günstig sah – man Südafrika und Südamerika an. (Nach beiden Ländern waren während der Höhepunkte der Krise kaum noch Flugplätze zu haben.) Für eine vernünftige Geldanlage schieden jedoch die südamerikanischen Staaten wegen der bei ihnen herrschenden inflationistischen Tendenzen weitgehend aus. Es blieb nur noch Südafrika, und in Bankkreisen glaubt man, beobachten zu können, daß nach dort in hohem Maße transferiert worden ist.

Unter den Auslandsverkäufen hatten zunächst besonders die achtprozentigen Industrieanleihen zu leiden, deren Abstoßen um so leichter fiel, als sie überall mit Gewinn veräußert werden konnten. Inzwischen haben sich die Emissionen ihren Ausgabekursen von 98 V. H. genähert. Nur wenige Anleihen liegen noch über pari. Allerdings scheint sich jetzt der relativ hohe Zinsfuß als eine wirksame Kursstütze zu erweisen, denn neuerdings sind auch bei diesen Papieren wieder Anlagekäufe zu beobachten. Die Pfandbriefkurse waren noch rückläufig. Im Hinblick auf das noch nicht verabschiedete Gesetz, mit dem das Sparen durch Steuerbegünstigungen zusätzlich gefördert werden soll, wenn die aufkommenden Gelder dem Wohnungsbau zufließen, werden bereits Geldbeschaffungsverkäufe bei den Pfandbriefen vorgenommen. Das ist die Quittung dafür, daß der Zweiterwerb nicht steuerbegünstigt wird. Jetzt löst sich die Kundschaft von solchen Papieren, die aus der Sperrfrist entlassen sind und kauft dann die sechsprozentigen tarifbesteuerten Pfandbriefe, um von den Steuerbegünstigungen Gebrauch machen zu können.

Zu einem einigermaßen lebhaftem Geschäft kam es auf dem Montanmarkt. Hier regte der Zusammenschluß im Thyssen-Bereich an. Für vier Aktien der Niederrheinischen Hütte werden fünf junge Aktien der Thyssenhütte geboten. Dazu erhalten die Niederrhein-Aktionäre eine Barabfindung von acht Prozent. Im Zuge dieses Angebots stiegen Niederrhein von 166 auf 185 v. H., alte Thyssen-Aktien von 147 1/2 auf 155 1/8 und junge Thyssen von 143 auf 151 v. H.: Diese Bewegungen zog die Aufmerksamkeit der Spekulation auf die schwerindustriellen Werte, die im allgemeinen um 2 bis 3 Punkte höher lagen als vor einer Woche. – Die Erhöhung des Barabfindungsangebots der Stinnes-Zechen von 120 auf 180 v. H. an die freien Aktionäre des Mülheimer Bergwerks-Vereins und der Diergardt-Mevissen Bergbau AG hat zwar in der Sache an den Börsen befriedigt; mit Empörung wurde jedoch die Tatsache zur Kenntnis genommen, daß alle Aktionäre, die sich zu 120 v. H. abfinden ließen, keine Nachzahlung bekommen. Praktisch gilt die Erhöhung des Abfindungsangebots nur noch für nom. 450 000 DM Minderheitsaktien.

Die großen Chemiwerte lagen an den meisten Tagen unter Abgabedruck. Bei den IG-Farben-Liquis erörtert man die Frage, ob sich der Anspruch der Hüls-Anteile, der in diesen Papieren enthalten ist, nicht gesondert handeln läßt. Es müßte dann praktisch zwei Notierungen geben. Einmal „volle“ Liquis und zum anderen „Liquis ex Hüls“, in denen dann nur noch der Anspruch auf die Ostvermögen sowie auf einen etwaigen Liquidationsüberschuß steckt. – Bei der Chemische Fabrik von Heyden AG, München (früher Radebeul bei Dresden), steht eine wichtige Veränderung bevor. Die Rütgerswerke AG und die amerikanische Chemiegruppe Olin Mathieson Chemical Corp. wollen qualifizierte Minderheitspakete übernehmen. Mehrheitsaktionär ist die Dresdner Bank-Gruppe. Um den Wünschen der neuen Partner entsprechen zu können, ist eine Kapitalerhöhung bei Chemische Heyden von 4,074 auf 8 Mill. DM unter Ausschluß des gesetzlichen Aktionärsbezugsrechts vorgesehen. Der Ausgabekurs der jungen Aktien (gewinnberechtigt ab 1. 1. 1958) soll 150 v. H. betragen. Der Börsenkurs für die Aktien von Chemische Heyden liegt zur Zeit bei 165 v. H. -n d t.