Imre Nagy ist von allen Ungarn zweifellos der den Sowjets unbequemste Mann. Übte er doch, obwohl entmachtet und hilflos im Asyl der jugoslawischen Botschaft zu Budapest, allein durch seine Existenz noch eine politische Wirkung aus! Also mußte er, der halb Verschwundene, ganz verschwinden ...

Wie das Schicksal Nagys sich erfüllen werde – darüber hat man sich auch in Westeuropa den Kopf zerbrochen, besonders in jenen Kreisen, wo man gern einhelliger Meinung über die stets „geschickte, raffinierte, hintergründige und konsequente Weise“ sowjetischen Vorgehens ist: Attribute, die selbst in der Abwehr noch Bewunderung verraten. Wie aber, dächte man sich einmal aus, welches denn die plumpste, gröbste, primitivste, vordergründige und auf spätere Folgen völlig unbedachte, kurz die bequemste Weise sei, den unbequemen Mann verschwinden zu lassen? Jeder kleine Gangster mit einem Minimalgehirn, das für die Hilfsschule nicht einmal ausreichend war, würde die „raffinierte“ Idee äußern: „Klaut ihn!“

Geht’s denn primitiver, als es nach der sowjetischen Methode geht? In großen, mondialen Unternehmen lautet das Rezept: Druck ausüben, egal wen’s trifft, andauernden Druck, sei es durch Waffenlieferungen oder nur ein gewaltiges Mundwerk, denn Auftrumpfen zeigt Macht; und Macht, ja selbst brutale Macht, fasziniert die Wankelmütigen. Die „kleinen Fische“ werden dann nach der Art „gefangen“, in der ein Taschendieb, ein friedlich Koexistenzliedlein pfeifend, in der überfüllten Straßenbahn dem Nebenmann in die Jacke greift. Es kann ärgerlich für ihn werden, wenn jemand zuschaut. In dem Falle aber, da ein russischer Oberstleutnant den Ministerpräsident Nagy raubte, schaute die ganze Welt zu.

Sie erfuhr schon am 18. November, daß tags zuvor der jugoslawische Botschafter in Budapest an die ungarische „Regierung“ Kadar den Vorschlag gerichtet hatte, ihrem Asylgast Nagy und den 47 Personen seiner Umgebung entweder Straffreiheit zu garantieren und sie in ihre Budapester Wohnungen heimkehren zu lassen oder ihnen das Asylrecht in Jugoslawien zu ermöglichen. Die jugoslawische Regierung wurde am 21. November informiert, daß Kadar die Antwort gegeben hätte, er garantiere Straffreiheit und Rückkehr in die Wohnungen. Am Abend des folgenden Tages schickte der ungarische Sicherheitsminister Münnich einen Autobus, der seinen Weg verließ und zur sowjetischen Kommandantur fuhr, wo ein russischer Oberstleutnant zwei jugoslawische Diplomaten, die dem „heimkehrenden“ Nagy zur Begleitung beigegeben waren, einfach hinauswarf. Zwei russische Panzer eskortierten den Omnibus auf einer Fahrt ins Ungewisse. Die Öffentlichkeit der ganzen Welt empörte sich auch darüber, daß Frauen und Kinder, darunter die Witwe des ermordeten, dann rehabilitierten Rajk, unter den Opfern waren. Ein Gangster, der keine Störung zu fürchten hat, nimmt nicht bloß den großen Geldschein; er nimmt die kleinen Münzen auch noch mit und nennt das Ganze „ein Aufwaschen“...

Und Kadar, der, was immer er gelernt hat, aus sowjetischer Schule lernte, hatte simpel und primitiv zwei Lügen auf Lager: Nagy habe nach Rumänien gewollt, wovon das Gegenteil zu beweisen für die Mitglieder der jugoslawischen Botschaft eine Kleinigkeit war. Und: In seiner Wohnung wäre Nagy nicht genügend geschützt gewesen. Als ob in den Sowjetpanzern die Engel und nicht die Teufel gefahren wären!

Wo immer er eingetroffen ist und wo er noch eintreffen mag – sein tragisches Schicksal wird van keiner noch so dicken sowjetischen Lüge verschleiert werden können. Übrigens: Da es zum Slogan mancher westdeutschen „Sowjet-Experten“ gehört, nicht nur von der „Geschicktheit“ sowjetischer Politik, sondern auch von der „altbewährten russischen Vertragstreue“ zu sprechen – die Entführung Nagys hat gezeigt, was eine Garantie, hinter der die Sowjets stehen, wert ist... J. M.-M.