Von Ludwig Marcuse

Die Weltliteratur macht es dem Leser besonders schwer. Erstens: er muß sie lesen. Selbst in Amerika, das eines Tages von Europa entdeckt werden wird, steht nicht das Muß in Frage, nur: wie man’s schafft. (Weshalb man auf die glorreiche Idee, kam, Kurse im Schnell-lesen einzurichten.) Sehr viel Mut aber braucht jener Leser, der es mit dem illustren Signor Pococurante („Candidus“) hält: „Ich les’ für mich selbst; mir gefällt, was mir paßt.“

Zweitens: der Leser darf sich bei der Lektüre nicht langweilen – unter Strafe schweren Prestigeverlustes. Dies Gebot, schon drückend angesichts allgemein gepriesener Werke zeitgenössischer Schriftsteller, ist erdrückend, wenn die besten Referenten der Jahrhunderte aufmarschieren – gegen jeden Versuch der Auflehnung.

Drittens: der Leser muß verstehen, den lebenden Kern eines zweihundert Jahre alten Buches bloßzulegen, die zeitlich bedingte Schale historisch zu verstehen und in das alte Buch die aktuellen Ereignisse hineinzulesen. Eine ziemlich komplizierte Operation. Aber man kann Übung bekommen. Der Leser hat, während, er über den Band gebeugt ist, das große Werk der Weltliteratur – nicht umzuschreiben, aber umzulesen. – Voltaires quicklebendiger Candidus ladet dazu ermunternd ein:

Voltaire: „Candidus, Zadig, Treuherz.“ Manesse Bibliothek der Weltliteratur. 9,90 DM.

Die Geschichte dieses jungen Mannes ist die Abenteurerei (vielmehr: das Geabenteuertwerden) eines Simplicius, dessen Schicksal es ist, daß alle seine Erfahrungen der Lieblingsidee widersprechen. Sie stammt vom verehrten Lehrer, dem Professor Pangloss aus dem Land der Metaphysiker. Dieser Denker wird in den Geschichten der Philosophie Leibniz genannt; er hat den gläubigen Candidus komplett indoktriniert, mit der Gewißheit: „Alles ist aufs beste bestellt.“ Leider findet nun der wackere Schüler, ein ewiger Emigrant, der ganz unfreiwillig viel in der Welt herumkommt, daß weder in Westfalen noch bei den Bulgaren, weder während des Erdbebens von Lissabon noch unter den Jesuiten Paraguays, nicht in Paris, nicht in London und auch nicht am Bosporus... alles aufs beste bestellt ist. Nur im Lande Eldorado, wo die Kieselsteine Perlen sind, stimmt die Lehre des Meisters. In allen anderen Ländern gewinnt er eher den Eindruck: es ist alles aufs schlechteste bestellt.

Aber Candidus ist ein echter Anhänger. Erdbeben, Pest und Syphilis, Verrat und Grausamkeit, alle Erfahrungen sind kraftlos gegen die anerzogene Ideologie. Nur einmal kommt es wenigstens zu einer Frage an seine Autorität: