Der Aufstand von Norilsk und eine russische Stimme – aus dem Gefängnis

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Panzergranaten auf wehrlose Demonstranten, blutige Rache an den Gegnern der Despotie, Züge mit Deportierten unterwegs nach Sibirien, Heimtücke, Wortbruch und alle anderen sowjetischen Greuel in Ungarn – zeigen sie das wahre Gesicht Rußlands oder gehört zu diesem wahren Gesicht auch jener sowjetische Offizier, der sich in Budapest eine Kugel durch den Kopf jagte, nachdem er den Befehl gegeben hatte, auf eine Menschenansammlung zu schießen, oder jene Offiziere der Roten Armee in Ungarn, die lieber desertierten, als auf Zivilisten oder Arbeiter zu schießen? Und wie ist es mit den Millionen von Russen in den Straf- und Arbeitslagern? Sind die Sträflinge, die in Workata, Kolima, Norilsk und vielen anderen sibirischen Straflagern vor drei Jahren die Fahne der Revolution auf ihren Baracken hißten und von den Schergen der Diktatur erbarmungslos niedergeschossen und niedergeknüppelt wurden, nicht Brüder der ungarischen Freiheitshelden, obwohl selbst Russen, ja, häufig selbst Kommunisten... Gibt es mit einem Wort neben dem Rußland des Terrors, der Diktatur und der grausamen Niederwerfung jeder Freiheitsregung nicht auch ein anderes Rußland, das sich der Taten schämt, die in seinem Namen begangen werden, so wie es ein Deutschland gab, das sich der Taten Hitlers schämte? Auch von den Deutschen hieß es einmal, sie seien „von Natur aus“ grausam, heimtückisch, unmenschlich. Und wir Deutschen sollten daher besonders vorsichtig sein mit Ausdrücken wie „asiatische Horden“ oder „russische Barbaren“. Wir bringen im folgenden Zeugnisse aus beiden Rußland. Wir beginnen mit einer Schilderung des Aufstandes im nordsibirischen Lager Norilsk und stellen ihr gegenüber Äußerungen eines Russen im Gespräch mit einem deutschen Kriegsgefangenen. Das Gespräch fand in der Lubjanka, Moskaus berüchtigtem Gefängnis, statt. Das „andere Rußland“ spricht heute noch aus dem Gefängnis. Aber wird das immer so sein? Wir glauben nicht.

Drei große Strafkolonien hat die Sowjetunion nördlich des Polarkreises: Workuta am Nördlichen Eismeer, Norilsk an der Mündung des Jenissei und Kolima westlich der Beringstraße. Norilsk ist die nördlichste von ihnen, und die klimatischen Bedingungen sind dort noch grausamer als in Workuta, vielleicht sogar härter als in Koima. Alle Versuche, durch das Meer von Sumpf, Eis und Schnee eine Bahnverbindung nach Norilsk zu legen, scheiterten bisher an dem Widerstand einer unerbittlichen Natur. Nur knapp vier Monate im Jahr gibt es eine Verbindung auf dem Wasser des Jenissei. Nur in dieser Zeit können Menchen, Material und Verpflegung für das ganze Jahr transportiert werden. Gut acht Monate hindurch ist das Flugzeug die einzige Brücke zwischen Norilsk und Krasnojarsk im Innern Sibiriens.

Im Sommer 1953 befanden sich rund 180 000 Häftlinge im Lagergebiet von Norilsk, davon etwa 12 000 politische Häftlinge in sechs Lagern. Sie irbeiteten im Abbau von Kohle, Eisen, Kupfer, Cobalt, Nickel, Platin und in Steinbrüchen, Ziegeleien, Walzwerken, Gießereien und mechanischen Werkstätten.

Das Zentrum des Aufstandes im Sommer 1953 lag im Lager 3. Es war mit 3628 Mann belegt, darunter 14 Deutschen, von denen acht Kriegsgefangene waren. Äußerer Anlaß des Aufstandes war ein Vorfall im Lager 5 im Mai 1953. Dieses Lager grenzt unmittelbar an ein Frauenlager. Beim Ausnarsch zur Arbeit riefen die Insassen beider Lager einander Morgengrüße zu. Als die Aufforderung der Posten, nicht zu sprechen, nicht von allen befolgt wurde, feuerte ein Posten in die Häftlingskolonne im Lager. Es gab Tote und Verwundete. Kugeln durchschlugen die dünnen Wände der Baracken und trafen schlafende Arbeiter der Nachtschicht. In ungeheurer Erregung sammelten sich die Häftlinge im Lager und weigerten sich, auch nur noch einen Schritt außerhalb der schützenden Lagerzone zu tun, bis eine Moskauer Kommission den Vorfall untersucht habe. Da auch in den anderen Lagern ähnliche Übergriffe an der Tagesordnung waren, schloß sich innerhalb kurzer Zeit ein Lager nach dem anderen dem Streik und der Forderung nach Überprüfung durch eine Moskauer Kommission an.

Am 2. Juni wurde plötzlich das Lager 3 von Truppen umzingelt, die Feldstellungen aushoben und Maschinengewehre und Granatwerfer gegen das Lager in Stellung brachten. Der Häftlinge bemächtigte sich eine große Unruhe. Der Kommandeur der das Lager umzingelnden Truppen, Major Polstennoi, rief den Häftlingen zu, sie mögen ihm – d. h. dem Lagerzaun – näherkommen, damit man sich verständigen könne. Die Menge machte eine Bewegung nach vorn. Einer der Häftlinge hatte entsetzt die Absicht des Majors durchschaut und schrie gellend: „Halt, Brüder, keinen Schritt!“ Aber es war zu spät. Der Major riß seine Mütze vom Kopf und schwenkte sie über sich. Das war das Signal! Maschinengewehre ratterten, Schüsse peitschten von den Wachtürmen. In wilder Panik suchten die Häftlinge Schutz vor den Kugeln. Menschen wälzten sich in ihrem Blut – innerhalb des Lagers und noch 25 Meter vom Lagerzaun entfernt. 21 Mann waren liegengeblieben. Sechs von ihnen waren sofort tot, andere starben im Lazarett.