Mischa campingte heuer in Frankreich. Außer gutem Rotwein und seidenen Halstüchern brachte er noch einen Tick mit, er clochard seitdem.

Ich rief bei Mischa an. Seine Frau war am Telephon. „Gib mal Mischa“, sagte ich, „es ist dringend.“ „Dringend?“ wiederholte die Gute verträumt, „ist eine Vokabel, die wir uns völlig abgewöhnt haben. Alles, was dringend ist, ruiniert des Menschen Seele und schadet seiner Gesundheit. Außerdem bekommt man davon die Dings-Krankheit“. „Unsinn“, sagte ich, „wer hat dir denn das erzählt?“ Sie wurde merklich kühler. „Erstens ist es wahr“, sagte sie schroff, „und zweitens ist es von Mischa.“ „Na also“, sagte ich, „dann gib mal Mischa.“ „Das geht aber nicht“, sagte sie, „der clochard.“ Ich wackelte erst an meinem Ohr und dann am Telephonhörer. „Sag das mal zum Mitschreiben“, sagte ich dann. Sie tat es: „Er clochard.“

Ich dämpfte meine Stimme und war behutsam mit ihr. „Verzeih“, sagte ich, „das mußt du mit erklären.“ Sie holte tief Luft: „In Frankreich heißen die Bettler Clochards – also das macht der Mischa jetzt – unter dem dritten Brückenpfeiler.“

„Was soll denn diese Sommerreisenbildung?“ rief ich, „dann sag doch gleich, er bettelt!“ Nun wurde sie böse: „Er bettelt aber nicht. Sonst würde ich doch sagen, er macht in Versicherungen oder er handelt mit Seife. Das tut er aber nicht, er clochard. Wenn du mit ihm reden willst, dann geh’ zum dritten Brückenpfeiler, und wenn es dringend ist, dann schmeißt er dich in den Fluß. Außerdem bekommst du doch noch die Dings-Krankheit. Auf Wiedersehn, ich leg’ mich wieder auf die Couch.“

Natürlich fuhr ich sofort zum dritten Brückenpfeiler. Dort stand tatsächlich Mischa, eine Pferdedecke über die Schultern gelegt, seines Sohnes Pudelmütze auf dem Kopf. Um von ihm gesehen zu werden, mußte ich ganz dicht vor sein unbewegliches Gesicht treten. „Du?“ sagte er dann endlich erstaunt und nach einer Weile: „Du störst mich beim Denken.“ „Was denkst du?“ fragte ich neugierig. Über uns rauschten die Autos, neben uns floß der Fluß. „Noch gar nichts“, sagte Mischa, „ich habe ja gerade erst angefangen zu clocharen. Nun muß ich erst die Wellen zählen. Eine Millionsiebenhundertdreiundfünfzigtausendsechshundert- neunundachtzig waren es, bis du kamst. Wenn du weg bist, fange ich wieder von vorne an. Wenn ich alle Wellen gezählt habe, beginne ich zu denken. Du siehst mich wieder – als Philosoph oder gar nicht.“

Und sofort begann er wieder zu zählen.

Ich habe weder Mischa noch seine Frau bis jetzt gesehen oder gesprochen, dennoch denke ich oft an ihn und an den dritten Brückenpfeiler. Besonders heute, denn bei uns schneite es zum ersten Male. Ob er den Winter übersteht? Ich werde alte Zeitungen, Reisig und Holzwolle für ihn sammeln und noch einmal hinfahren.

Ich will ihn darin einhüllen, wie einen ganz seltenen Rosenstock. So einen Menschen darf man doch nicht umkommen lassen. Ingeborg Euler