Von Rudolf Walter Leonhardt

Was ist ein Tory?" wurde ein Düsseldorfer Primaner in einer Quiz-Sendung des Westdeutschen Rundfunks am Freitag gefragt. Er wußte es nicht. Schade, daß der junge Mann wahrscheinlich keine Gelegenheit hatte, am gleichen Abend eine der mutigsten und besten BBC-Sendungen zu hören, die "Any Questions heißt und in der vier Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, darunter in der Regel zwei Parlamentarier, allwöchentlich unvorbereitet Stellung nehmen zu Fragen, die ihnen aus dem Publikum gestellt werden.

Dabei ging es diesmal, wie zu erwarten, auch um die Frage: "Sollten sich die englischen Truppen so schnell wie möglich aus Ägypten zurückziehen?" Es sprach der Tory Gerald Naborro, konservativer Abgeordneter für Kidderminster: "Erst muß der Suezkanal wieder freigelegt werden. Diese Aufgabe können wir nicht einem zusammengewürfelten Haufen von Dänen und Deutschen überlassen – es gibt nur eine Institution in der ganzen Welt, die sie zur Zufriedenheit ausführen könnte: das ist die britische Royal Navy." Donnernder Applaus.

"Die Engländer sind das herrlichste Volk der Erde – the finest people in the world, the greatest country in the world ..." – der Empire-Chauvinismus treibt noch immer solche knalligen Blüten, die allerdings mehr für die parteipolitische Innendekoration bestimmt sind und deswegen dem Betrachter von außen glücklicherweise meistens verborgen bleiben. Sie haben gerade für den, der England schätzt und liebt, etwas Peinliches. Auch für viele Engländer. Sogar für viele Tories.

Mit müder Resignation hörte sich der große Sir Winston während seiner letzten Regierungsjahre die Proteste der Chauvinisten im eigenen Lager an: Das ausgerechnet ihm! Als er die Verantwortung trug, wußte er, daß die britische Stellung im Nahen Osten im Alleingang und mit militärischer Gewalt nicht zu halten war; er verpflichtete sich deswegen, Ägypten von britischen Truppen zu räumen.

Gegen den Beschluß stimmten im Juli 1954: 26 konservative Abgeordnete, die sich seitdem mit Stolz "Suezrebellen" nennen lassen. Ihr Führer ist Hauptmann Waterhouse. Er nannte Churchills Entscheidung "Ausverkaufspolitik des Empire" und den Vertrag mit Ägypten "einen Fetzen Papier". Die Terminologie ist immer die gleiche. "Ist dieser Vertrag mit Ägypten das letzte Wort?", erkundigte sich Captain Waterhouse. Eine starke konservative Regierung bescheinigte ihm, der Vertrag sei das letzte Wort, und nahm seinen Rücktritt vom Vorsitz des Verteidigungsausschusses gelassen entgegen. Der Labour-Abgeordnete R. T. Paget fragte freilich schon damals: "An was für eine Alternative denkt der Sehr Ehrenwerte Gentleman – an Krieg?" Captain Waterhouse zog es vor, diese Frage unbeantwortet zu lassen.

Nicht, daß er vor einem Krieg Angst gehabt hätte. Das kann man dem Hauptmann des vornehmen und exklusiven Garderegiments zu Pferd, der während des ersten Weltkrieges in Frankreich kämpfte, und dafür eine der beinahe höchsten Auszeichnungen (Military Cross) davontrug, bestimmt nicht nachsagen. Er hat schließlich auch die Traditionen einer der ziemlich besten Public Schools (Cheltenham) und eines Cambridger Colleges (Trinity Hall) aufrechtzuerhalten, das, wie so vieles an und am Captain Waterhouse, zur allerbesten zweiten Garnitur gehört.