RH, Hamburg

In Hamburg ist wieder Dom, der traditionelle Weihnachtsmarkt, der – seitdem er es nicht mehr ist – „Volksfest des Nordens“ heißt. Lichter zucken auf und verlöschen, grün, rot, gelb, in Reihen, Kreisen und Punkten. Geräusche bearbeiten die Nerven, Rattern, Tuten, Quäken oder – gewaltig verstärkt – ein Schnarren wie von altmodischen Elektrisierapparaten, Propellergebrumm und durch Schalltrichter geleitetes Motorengedröhn wie von tausend schweren Motorrädern. Zeppeline, Hubschrauber und Flugzeuge schweben an Stangen kreisend auf und ab – sie sind das Wichtigste in dieser dreidimensional gewordenen Landschaft der Comic Strips, die ergänzt ist durch Geräusch und Geruch. Hier ist Supermann zu Hause.

Die Düfte – soweit von angenehmer Art – stammen aus fast musealen Quellen: vom Mandelrösten und Würstchenbraten; nur weil sich auch Wesen im überholten Menschenstadium hier bewegen, sind sie noch da. Denn die Menschen bedürfen solcher Nahrung, die Armen. Hingegen er, der Supermann, er sieht nicht Zuckerstangen, nicht Würste an – man sieht ihn nicht einmal rauchen. Kein Lebkuchenherz hängt über seinem Herzen.

Dieser Supermann ist nicht etwa mitwirkende Figur in einer der Jahrmarktsbuden auf dem Dom. Nein, er ist Gast – geheimnisvoller, fremder Gast. Er stammt aus Hammerbrook oder von der Veddel, aus Barmbeck, Billstedt oder St. Pauli, und könnte man durch seinen Panzer hindurchlesen, was in seinem bundesdeutschen Personalausweis steht, erführe man, daß er Klütermann heißt, Puvogel oder Eggers. Doch wie er heißt, will gar nichts heißen. Wert hat allein das, was er ist: Er ist das leibgewordene „Phantom“, wie es angeblich im Jahre 2000 zwischen Erde und Mars verkehrt. Es gibt viele seinesgleichen.

Sie sind die Überstarken. Sie leben unter uns, jedoch an keinem festen Ort. Ständig sind sie in Fahrt und ihr Dasein ist Gefahr – nicht immer nur für sie allein. In Muße kann man sie gewöhnlich nur auf Bildern betrachten, plakatgroß: Lederbekleidung steht unter ihrem Porträt. Wenn sie aber zuweilen ihre Raumrakete anhalten – sie wird „Moped“ oder „Krad“ genannt –, dann kann man sie selber besehen, in kurzen Fahrpausen auf kurzen Gängen.

Glückliche Gelegenheit zu längerer Betrachtung ihrer Erscheinung bietet der Dom. Da bleiben sie länger; da sind sie zu Haus, die Künstlichen, in dieser künstlichen Stadt. Jedoch – sind sie auch zahlreich da, so treten sie doch nur als große Einsame auf. Manchmal allerdings haben sie die Superbraut an ihrer Seite. Das hebt die einsame Größe jedoch nicht auf. Denn die Superbraut ist nicht von eigener Existenz, sie ist Besitz. Ein scheinbar geschlechtsloses Wesen ist sie, mit derben Schuhen, grober Hose und Jackett angetan, nur Attribut ihres Herrn. Der weiße Helm, den sie trägt, bedeutet nicht mehr als ein Monogramm im Hemd: er zeigt, wem sie gehört.

Mächtig, die Menschen verachtend, ist er da unter uns, der seit Jahr und Tag siegende Held endloser Bilderserien. Und so sieht er – lebendig geworden – aus: Er ist von menschenähnlicher Gestalt. Wo man den Kopf vermutet, befindet sich ein weißer, glatter Helm. Seine Augen sind gummigerahmte Fenster, der Nacken besteht aus hautähnlich faltendurchzogenem, weißem Leder. Aus Leder ist auch der Körper; ledern sind die Beine, die Füße. Die Lenden bewehrt ein zweihändebreites, nietenbeschlagenes Korsett aus dickem Sohlenleder. Kein Stückchen sanfter Textilie unterbricht die tierische Hülle. Auf den Schultern hat Supermann geflochtene lederne Schulterstücke – dem Uneingeweihten nicht erkennbare Rangabzeichen der Supermann-Unheilsarmee.