Paris, Ende November

Es gibt einige Dinge, bei denen der Franzose keinen Spaß versteht. Ein Streik in der staatlichen Tabakregie beispielsweise oder ein Versuch, das unverhältnismäßig frühe Pensionierungsalter heraufzusetzen, sind Vorgänge, die ihn besonders erbittern. Zu ihnen ist aber auch alles zu rechnen, was sich gegen sein Auto richtet. Finanzminister Ramadier ist einer der unpopulärsten Männer im Lande, weil er einen „Autokomplex“ hat. Wenn er nach einer Bevölkerungsschicht sucht, der er zur Finanzierung des Algerien- oder des Ägyptenkrieges neue Lasten aufladen kann, so bleibt sein bebrillter Blick in neun von zehn Fällen auf den Autobesitzern haften. Sie haben soeben eine neue Sondertaxe aufgebrummt erhalten.

Für diesen Sozialisten alter Schule (wie es für einen Mitstreiter Lassalles das Halten eines Reitpferdes war) ist der Besitz eines Wagens noch ein verruchter Luxus. Dabei ist auch in Frankreich das Auto für viele längst zur unentbehrlichen Hilfe im Berufsleben geworden. Daneben aber ist das Auto für den Franzosen nicht ein Mittel, um sich selbst zu entfliehen, sondern ein Vehikel seiner Freiheit. Es hilft ihm, das unentbehrliche Gärtchen in der Banlieue draußen zu bebauen oder die in Frankreich so wichtigen Familienbeziehungen zu pflegen. Wenn man sich einmal vergewissert, wieviele Wagen selbst in einem kleinbürgerlichen Viertel abends vor den Häusern stehen, kann man jenen ministeriellen „Autokomplex“ kaum noch ernst nehmen.

Von hier aus versteht man aber auch, daß den Franzosen in ihrer großen Mehrheit offenbar erst vor den geschlossenen Benzinpumpen zu Bewußtsein gekommen ist, daß in Ägypten etwas schiefging. Die Regierung ist zwar der Ansicht, daß es keine Treibstoffknappheit gäbe, wenn jeder Autofahrer freiwillig seinen Verbrauch um 30 v. H. einschränkt. Und sie hat darum auch einen Aufruf an den civisme, den Gemeinschaftsgeist der Autofahrer gerichtet: erst wenn bis zum 28. November die freiwillige Rationierung versagt habe, werde sie von oben verfügt. Die sozialistische Regierung, die ihren Wählern bereits Krieg und Steuererhöhung beschert hat, möchte sich nicht auch noch durch die Wiedereinführung des verhaßten Kartensystems unpopulär machen.

Wer aber verfolgt hat, wie seit Bulganins Wink mit den Raketen Zucker und Speiseöl aus den Läden verschwunden sind (zum Schaden der finanziell schwächsten Schichten, die sich keine Vorräte anlegen konnten – was von der bedrängten KP als hocherwünschte Schützenhilfe ausgeschlachtet wird), der kann sich kaum Illusionen über einen Erfolg dieses Aufrufs hingeben.

Ein Appell an den Gemeinschaftsgeist ist unsinnig in einem Lande, zu dessen eingewurzeltsten Traditionen es gehört, den Staat als den Feind schlechthin anzusehen. Der Franzose hat sich denn auch gleich auf die Igelstellung der Familie zurückgezogen, und zur Versorgung dieser Stellungen beginnt bereits an manchen Ecken der Schwarzmarkt aufzuschießen. Wo eine seltene Benzinpumpe noch zehn Liter pro Klient ausschenkt, bildet sich im Nu eine Hunderte von Metern lange Schiarge von hungrigen Autos. In den Spezereiwarenläden aber hat der finanziell Schwache, der sich keine Lager anlegen konnte, das Nachsehen. Er muß schauen, wie er sich seinen Salat ohne Öl anrührt. Die wegen Ungarn so hartbedrängte KP ist auch hier die Nutznießerin – auch hier hat Thorez dem Sozialisten Mollet für unfreiwillige Hilfe in der Not zu danken...

Das sind die ersten Auswirkungen des Ägyptenstreiches im täglichen Leben. Die Konsequenzen in der großen Politik beginnen sich erst langsam abzuzeichnen. François Mauriac hat eine davon in seiner Unbefangenheit offen ausgesprochen: „Wir werden keinen Tropfen Petrol kriegen, solange ein französischer Soldat in Port Said bleibt. Amerika hat uns im Griff, und es wird den Druck nach Belieben verstärken ...“ Es ist bekannt, daß man im Kreis um Mauriacs politischen Mentor Mendes- – France fürchtet, man werde von nun an dank Mollets katastrophaler Politik auf Gnade und Ungnade Washington ausgeliefert sein. Notabene ohne wie bisher darauf pochen zu können, daß man das Vaterland der Menschenrechte sei. Die sind irgendwo beim Absprung auf den Suezkanal verlorengegangen. Armin Mohler

(Siehe auch Wirtschaftsteil S. 15)