London, Ende November

Seit ein paar Tagen ist das Suezproblem für die ^Engländer nicht mehr nur eine Angelegenheit der Außenpolitik, der Zeitungsdiskussion und der Parlamentsdebatten, es ist zu einer Privatangelegenheit geworden, die plötzlich in den Alltag von Hunderttausenden britischer Bürger einbricht. Denn sie alle werden – auf diese oder jene Weise – von der Ankündigung betroffen, daß ab 17. Dezember das Benzin rationiert sein wird.

Gestern parkte ich meinen Wagen auf einem der größten Londoner Parkplätze, hinter dem Einkaufsviertel der Oxford-Street. Dieser Platz war bisher immer voll besetzt – jetzt war er halb leer. Die Leute fangen schon an, mit ihrem Benzin hauszuhalten.

Das Rationalisierungssystem ähnelt im Prinzip dem der Kriegszeit. Jeder Autobesitzer bekommt für Privatzwecke wöchentlich eine Benzinmenge zugeteilt, mit der er etwa 50 Meilen fahren kann. Das ist das „Grundkontingent“. Er muß – über sein lokales Gemeindeamt – einen Antrag an das Ministerium für Treibstoffversorgung richten und erhält dann ein Heft mit Kupons, die er an jeder Tankstelle einlösen kann. Wer seinen Wagen beruflich braucht oder so weit außerhalb wohnt, daß sich Arbeitsplatz oder Einkaufsgegenden nur schwer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen lassen, kann ein „Zusatzkontingent“ beantragen. Sofern er nicht in einem freien Beruf tätig ist, muß er diesen Antrag jedoch über seine Firma leiten. Die Regierung hat allerdings bereits angekündigt, daß man – im Gegensatz zu den Grundkontingenten, die, mit Kriegsmaßstäben gemessen, großzügig sind – die Zusatzkontingente noch stärker beschränken werde als im Kriege. – Die Tankstellen sind dazu übergegangen, Benzin nur noch in kleinen Mengen zu verkaufen. Gegenwärtig ist es unmöglich, von einer Tankstelle, bei der man nicht bekannt ist, mehr als acht Liter (zwei Gallons) zu bekommen – vor allem dann, wenn man den Eindruck erweckt, als führe man herum und versuche, möglichst viel zu hamstern. Mein Tankwart um die Ecke, der mich kennt und weiß, daß ich seit Bekanntwerden der Rationierung (am 20. November) noch nicht bei ihm vorgesprochen habe, gab mir heute morgen 16 Liter (4 Gallons), obgleich mein Tank gut die doppelte Menge hätte fassen können.

Die Öffentlichkeit reagierte auf die Ankündigung der Benzinrationierung entsprechend der zweigeteilten öffentlichen Meinung zur Aktion Edens. Alle, die auf Seiten der Regierung stehen, tragen gegenüber der drohenden Rationierung eine philosophische Gelassenheit, wenn nicht gar eine gewisse Befriedigung zur Schau. Die Gegner der Regierung hingegen verstärken natürlich ihre Kritik jetzt, da das „Narrenstück“ der Regierung die ersten konkreten und für jedermann sichtbaren Auswirkungen zeitigt.

Doch sind auch noch andere Reaktionen spürbar, die nichts mit jenen beiden Lagern zu tun haben. Die Benzinrationierung erinnert nämlich viele Leute an die Kriegszeiten, und diese Assoziation wiederum weckt die patriotischen Gefühle und veranlaßt die Betreffenden, sich hinter die Regierung zu stellen, selbst wenn sie mit der Suezpolitik nicht einverstanden waren. Die Notwendigkeit der Benzinrationierung führt dem Mann auf der Straße außerdem auf eine ganz unmißverständliche Weise vor Augen, wie wichtig der Kanal für England ist.

Viele jedoch, die bisher der Ansicht waren, daß die Regierung zu Recht in das Kanalgebiet einrückte, um die britische Ölversorgung sicherzustellen, stellen jetzt die Frage, wieso man denn von einem Erfolg der Regierung sprechen könne, wenn das Benzin gerade jetzt erst knapp werde? Mancher, der sich bisher nicht sonderlich viel Gedanken über den politischen Kurs der Regierung gemacht hat, beginnt jetzt nervös zu werden.