Ideal eines Jahrhunderts? Der Untertitel eines Bildbandes „Greta Garbo“, dessen schwarzer Lackdeckel mit einer roten Rose und einem kleinen Porträtkopf leise Melancholie andeutet:

„Greta Garbo“. (Limesverlag, Wiesbaden; 80 S., 8,80 DM),

muß wohl auf ein halbes Jahrhundert eingeschränkt werden. Wer heute jene trifft, die einst alle ihre Filme sahen und in deren Augen ein gewisses Leuchten tritt, wenn nur der Name genannt wird, oder wer heute den einen oder anderen Garbo-Film sieht, der begreift zwar meistens sofort, daß sie eine außergewöhnlich schöne Frau war. Ob sie auch eine große Schauspielerin war, darüber wird heute schon gestritten. Und was die bleibende Qualität der Filme angeht, so werden nur wenige noch genannt, unter ihnen „Ninotschka“, der Film, in dem man sie zum erstenmal ausgelassen heiter sah. Es war ihr vorletzter Film. Sie hat sich dann noch einmal als Komödiantin, versucht mit der neuen Note lärmender Lustigkeit. Aber dieser letzte Film „Die Frau mit den zwei Gesichtern“ fiel durch. Da man die Garbo immer an den Maßstäben des Außerordentlichen zu messen gewohnt war, urteilte man härter, als sie es verdiente. Es war. ihre einzige harte Niederlage. Sie war – im Jahre 1941 – erst sechsunddreißig (oder nach anderen Geburtsangaben neununddreißig) Jahre alt.

So ist es heute nach vielen Versuchen, das Geheimnis um diese Frau zu erklären, an der Zeit, daß ein Buch über sie erscheint, über Greta Lovisa Gustafson, die Seemannstochter aus Stockholm, mit dem kometenhaften Aufstieg in Berlin und Hollywood in der aufstrebenden Zeit des Films, um klarzumachen, was dieser heute längst erloschene Stern in der Zwischenkriegszeit der Welt bedeutete.

Diese Frau, die man die Göttliche nannte, wurde, nicht nur von Filmenthusiasten, abgöttisch verehrt wegen ihrer vollendeten weiblichen Schönheit und als Inkarnation eines neuen Frauentypus. Sie zwitscherte und schmollte nicht, sie war nie schrill, sie trippelte nicht, sie tat sich nicht dämonisch. Sie triumphierte über die romantische Süßlichkeit der vorhergehenden Epoche. Sie verbreitete eine Aura des Leidens, der Melancholie, des tragischen Pathos.

Aber sie kam mit der rasenden Geschmacksentwicklung nicht mit. Als man härter, ungeformter, lauter wurde, hatte man keine Zeit mehr für die Zwischentöne, die zögernden Gesten. Seitdem sieht man noch hin und wieder Aufnahmen von einer mageren Frau in mittleren Jahren mit gepreßtem Mund auf ihrer endlosen Flucht durch die Welt. Wer im Gespräch neben ihr sitzt – ich traf sie zufällig bei Freunden in New York, und nur so kann man sie treffen –, sieht, daß sie dieses abgebildete Wesen nicht ist, denn Haltung und Ausdruck adeln sie noch immer.

Das Buch ist, weil es nicht überschwenglich glorifiziert, ein gelungener und wichtiger Beitrag, dem Phänomen der suggestiven Wirkung des Films nachzugehen und der geheimnisvollen Ausstrahlung eines Menschen durch sein Bild. Alexander Lernet-Holenia schrieb eine Einführung, die der Garbo und ihrer Mythe nachspürt. Erika Müller