Norman Mailer schrieb das Epos der Nackten und der Toten des pazifischen Krieges, sein ausgezeichnetes, sein berühmtes, sein vielgelesenes Buch der Inselkämpfe, das „Im Westen nichts Neues“ der amerikanischen Jugend nach Pearl Harbour. Dieser Norman Mailer, ein urwüchsiger, – ein unbekümmerter Erzähler, hat in seinem neuen

Roman „Der Hirschpark“ die vielphotographierten Nackten Hollywoods gejagt, doch scheint es zunächst, als sei es ihm gerade nur gelungen, die Amüsierstätten und die eigentlich recht uninteressanten Ausgezogenen der Filmmetropole ins Netz seiner Sätze zu fangen, während Evelyn Waugh, klüger, sich auch hier an die Toten hielt, die pompösen Friedhöfe der Gegend besuchte und in seinem „Tod in Hollywood“ den Ort hinterhältiger, hintergründiger und wesentlich nackter zeigt.

Norman Mailer: „Der Hirschpark.“ F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung, Berlin-Grunewald; 371 S., 14,80 DM.

Das Lupanar des fünfzehnten Ludwig nannten zeitgenössische Satiriker den Hirschpark. In den Hirschpark lockte und verkaufte man junge Mädchen, in den Hirschpark drängten sich junge Mädchen und wurden dort zur Erfüllung königlicher erotischer Wunschträume abgerichtet. Auch Hollywood lockt und kauft Mädchen, auch nach Hollywood drängen sich Mädchen und werden zur Erfüllung erotischer Wunschträume des Königs Kunde abgerichtet. Aber da ist schon ein Unterschied: Versailles kaufte Körper und Hollywood handelt mit Schatten, und so ist der Titel „Der Hirschpark“ nicht unheimlich und nicht treffend genug, wie das ganze Buch nicht unheimlich genug für eine sehr unheimliche Sache ist. Es ist ein Roman aus einem Schattenreich gänzlich unmenschlicher Wesen, aber er ist geschrieben wie ein landläufiger, oberflächlicher Sitten-, Gesellschafts- und Unterhaltungsroman. In Mailers Kriegsbuch lebten noch die Toten, in seinem Filmroman sind auch die Nackten tot. Was wollte er? Enthüllen? Anklagen? Aber was wird hier enthüllt und angeklagt, noch dazu in der peinlichen Manier sogenannter Aufklärungsschriften, die zur Zote gleich die Entrüstung liefern? Einen Erzspießer mag vielleicht der Bettenwechsel der Diven, der Stars, der Regisseure und der Produzenten aufregen. Man muß aber bezweifeln, ob es diesen Spießer unter den Buchkäufern noch gibt. Wirklich aufregend ist dagegen die Frage: Hatte Mailer es nötig, was bewog ihn, was zwang ihn, dieses Buch zu schreiben, das nicht besser ist als seine Geschichte, nicht besser als ein Drehbuch, ein Vorwurf für einen Hollywoodfilm?

Mailer ringt in seinem „Hirschpark“ um eine Form, die er in „Die Nackten und die Toten“ ganz selbstverständlich hatte. Was dort geschildert wurde, war erlebt. Was hier beschrieben wird, ist nicht mehr als die Übernahme eines Klischees. In seinem Kriegsbuch hatte er etwas zu sagen; aus seinem Filmbuch erfährt man nicht, was er will. Wollte er die üblichen Mittel des Films, seine primitiven Handlungen verwenden, um mit ihnen die Filmwirtschaft, das Filmgetue satirisch zu durchleuchten? Dann ist es ihm nicht gelungen.

Sollte der „Hirschpark“ ein älteres Buch sein, eine überwundene Entwicklungsstufe seines Verfassers? Manches spricht dafür, und einige Kapitel könnten autobiographisch sein: Ein amerikanischer Kriegsleutnant hat vor seiner Entlassung aus dem Heer im Poker gewonnen. Er zieht mit seinem Geld in einen Lustvorort Hollywoods und will dort Schriftsteller werden. Er weiß nicht was, und er weiß nicht, wie er schreiben soll, zumal er nicht Hemingway und die andern Großen der amerikanischen Literatur imitieren möchte. Versuchungen begegnen ihm, Schauspielerinnen, der Film und sein Geld, das Geld und seine Schmarotzer. Der junge Mann hält sich leidlich, bleibt seinem Vorsatz, ein Schriftsteller zu werden, treu und schreibt am Ende vielleicht „Die Nackten und die Toten“. Diese Partien sind im Ichstil erzählt. In der Erform, gewissermaßen als Schreibübung, berichtet der junge Schriftsteller dazwischen die traurige Geschichte eines Regisseurs, seines Freundes. Dieser Regisseur war ein Mensch und kämpft um sein Menschsein, unter anderm auch vor dem Ausschuß gegen antiamerikanische Umtriebe, bis er sich gänzlich den Schatten Hollywoods anpaßt, ein Gespenst wird, ein menschliches Wrack, das für viel Geld die üblichen Filme dreht und die Träume seiner Jugend vergißt. Die Geschichte des Regisseurs ist das alte große Romanthema der „Verlorenen Illusionen“. Aber Balzac hat dieser Geschichte schon alles gegeben.

Desert D’Or, Desert Door und davor die Lusthäuser der Schatten, darüber die Neon-Sonnen des Weltruhms. Wie schade, daß uns Norman Marter diesen Roman, diese Satire schuldig bleibt! König in der goldenen Wüste ist nicht mehr der Löwe. Eine Art von Hyäne hat ihn abgelöst, eine Spottgeburt aus Zelluloid, Scheinwerferlicht und Druckerschwärze, aus falschen echten Tränen und echten falschen Gefühlen, der Filmpressechef, der Star-Reklameagent, die Klatschkolonistin, Aberwesen, die sich hinter der öffentlichen Meinung der Dummheit verstecken, der Dummheit, die sie fordern, lenken und auf die sie sich berufen – am Ende noch guten Glaubens. Wolf gang Koeppen