London, Ende November

In London lief kürzlich ein Film an, der patriotisch, aber außerdem und wirklich nur ausnahmsweise ein guter Film ist: The Battle of the River Plate (Die Seeschlacht vom Rio de la Plata) von dem Drehbuchautoren- und Regisseurpaar Michael Powell und Emmerich Pressburger (Die roten Schuhe). Es ist eine peinlich genau nachgebildete und nachgefühlte Version jener Seeschlacht im Dezember 1939, die vielleicht die letzte solcher Aktionen in der Geschichte war, in der individueller Mut, strategisches Fingerspitzengefühl und taktischer Instinkt zur Geltung kommen konnten. Denn bald danach kamen Radar und Atomwaffen; der menschliche Faktor ist heute weitgehend ausgeschaltet. Powell und Pressburger taten alles, um die Schlacht, in der der deutsche Panzerkreuzer Admiral Graf Spee von den britischen Kreuzern Exeter, Ajax und Achilles schwer beschädigt in den Hafen von Montevideo gedrängt wurde, in allen Einzelheiten genau zu rekonstruieren. Der amerikanische Kreuzer Salem, das Flaggschiff der Sechsten Flotte im Mittelmeer, übernahm im Film die Hauptrolle und die „Admiral Graf Spee“ selbst. Die „Exeter“ und „Ajax“ sind längst den Weg aller Kriegsschiffe gegangen, aberdie „Achilles“ war noch vorhanden – allerdings ist sie jetzt das Flaggschiff der indischen Kriegsmarine und heißt „Delhi“, und auch sie wurde, bei Manövern der britischen Mittelmeerflotte, zur Aufnahme des Films (in Technicolor und Vistavision) herangezogen. Kapitän Bell, der die „Exeter“ befehligte, stand dem Regisseur als technischer Berater zur Seite, und viele andere Teilnehmer an der Aktion halfen mit Erinnerungen und Erfahrungen mit.

Das Bemerkenswerteste daran ist die Tatsache, daß der eigentliche Held des Films der deutsche Gegner ist, Kapitän Langsdorff, der Befehlshaber der „Admiral Graf Spee“. Er ist mit einem der beliebtesten und sympathischsten Filmschauspieler Englands besetzt, dem Australier Peter Finch, und wird dargestellt als ein Seeheld und Gentleman der besten alten Tradition, mutig und ritterlich. Es ist bezeichnend, daß der Film es nicht übers Herz bringt, Langsdorffs Selbstmord im Hotel in Montevideo zu zeigen, das wirkliche Ende der Tragödie. Die Filmkonvention erlaubte es sicher, einen Feind, einen Bösewicht so abzutun – aber einen Helden – nie und niemals! Und so sehen wir nur, wie Langsdorff, den guten britischen Handelskapitän an seiner Seite, der sein Gefangener war und sein Freund wurde, der Selbstversenkung seines Schiffes zusieht... Und es wird in dem Film sogar recht offenherzig gezeigt, daß Langsdorff nicht so sehr in der Schlacht selbst unterlag, wie in dem Ränkespiel von böser List und diplomatischer Intrige, das dazu führte, daß ihm das Asyl in dem neutralen Hafen Montevideo verwehrt wurde und ihm das Trugbild einer starken Flotte vorspiegelte, die gar nicht vorhanden war, so daß er sein Schiff eigentlich grundlos selbst versenkte.

Eine gute Seeschlacht ist für das englische Publikum von vornherein ein Hochgenuß, mehr noch als ein guter Stierkampf für den Spanier. Wer gewinnt, ist dabei nicht so wichtig, als daß es eine gute Schlacht ist. Und der Schwächere hat obendrein seit jeher die Sympathie einer englischen Menge. John Lynne