„Knigge“ würde reformiert

Auf dem Wachturm eines Dornröschen-Schlosses steht ein Fernsehapparat und neben dem mit einem Herzen bestickten Wimpel auf der schlanken Turmspitze redet sich eine hypermoderne Dipol-Antenne in den Himmel. Ein Schloßfräulein lehnt daneben, von dem man nicht genau weiß, ob es verzückt ist von diesem Wunder der Technik oder ergriffen von der Arie eines Barden, der seinen Gesang in ein Mikrophon schmettert. Eine andere „teutsche“ Dame dagegen steigt zartfüßig eine Jakobsleiter zu einem Hubschrauber hinauf, aus dem sich liebevoll Ritter Kunibert beugt, um die Heißersehnte mit einem Kuß in die Arme zu schließen.

Das ist das Bild auf einem 50 Seiten starken Heft, das sich „Höflichkeit heute“ und weiter: „Ein kleines Brevier neuzeitlicher Umgangsformen“ (Hans-Georg Schnitzer Verlag, Köln-Junkersdorf, Preis 1 DM) nennt. Der Gedanke, der den verschmitzten Zeichner anregte, war wohl der, daß die Höflichkeit, die einst vor allem bei Hofe gepflegt wurde, heute noch trotz Television und Helikopter ihren Sinn und ihre Berechtigung hat.

Um das zu beweisen, hat man nicht irgendwen mit der Zusammenstellung dieses Taschenknigges betraut, sondern eine kompetente Stelle zur Mitarbeit verpflichtet: Der Fachausschuß des Allgemeinen Deutschen Tanzlehrer-Verbandes steht hinter dieser Broschüre, und das heißt, wie man am Schluß erfährt, die Auffassungen von etwa tausend Tanzlehrern wurden auf eine verbindliche Norm gebracht. Auf diese Weise wurde ein kleines, zum Teil revolutionierendes Schulbuch zusammengestellt, das nicht nur regionale Bedeutung hat, sondern – man lese und staune – von Flensburg bis zum Bodensee, ja, sogar in der Schweiz für den Tanzschulenunterricht als maßgebend angesehen wird. Die Benimm-Experten räumten mit manch altem Zopf verstaubter Etiketteregeln auf und suchten die Grenze zwischen echtem Fortschritt und allzu moderner, allzu bequemer Sittenverwilderung. Da ist etwa die sogenannte „Treppenfrage“. Zu diesem Fall wurden die Verhaltensregeln völlig auf den Kopf gestellt. Der Herr geht nicht wie bisher vor der Dame die Treppe hinauf, sondern neben ihr, so befiehlt das Buch – am besten eine Stufe dahinter, um ihr beim eventuellen Ausgleiten helfen zu können. Beim Hinabgehen aber tritt der Herr voran, damit seine Begleiterin sich notfalls stützen kann.

Unter dem Titel „Nicht minder wichtig“ folgen dann in dem liebenswürdigen Heftchen einige Miszellen, wie die Empfehlung, den guten englischen Brauch anzuwenden, daß der Herr auf der Straße auf der Gefahrenseite geht, wenn er eine Dame begleitet. Man weist auch darauf hin, daß kosmetische Korrekturen, wenn irgend möglich, nicht in der Öffentlichkeit erfolgen sollten, sondern in den dafür vorgesehenen Räumen.

Wer angeborenen Takt besitzt, dem sind die Vorschriften dieser vielen neuen Bücher über den guten Ton zum größten Teil Selbstverständlichkeiten. Manches sind wohlgemeinte Ratschläge, aber keine Befehle. Es gibt Situationen, in denen man sich selbst bewähren muß. Immer wird Geschmack und Takt dazugehören.

Es beruhigt uns die Versicherung der Verfasser, daß die aufgestellten Regeln von Zeit zu Zeit überprüft werden müssen. Es ist gut, daß man jungen Leuten sagt, wie man sich benimmt, noch besser ist aber die stete Erinnerung an jenes dreihundert Jahre alte Wort, das auch den Kern dieser Grundsatzsammlung bildet: „Die Höflichkeit ist ein Hauptteil der Bildung und zugleich eine Art Hexerei, die die Gunst aller erringt.“ Oder: „Die Höflichkeit ist das Luftkissen des Lebens.“ G. S.