p. t., Dresden

Sie gehören zum Straßenbild der Städte Mitteldeutschlands, die schlanken Lautsprechersäulen auf hohem Fuß, Pappeln ähnelnd, doch nicht nur leise rauschend. Sie stellen die akustischen Hähne der städtischen Berieselungsanstalt für Musik, Durchsagen, Reportagen, Nachrichten und politische Exkurse dar. Von früh bis spät, bei Regen und Sonne – der Stadtfunk tönte an allen Ecken und Enden der Zentren kleiner und großer Städte.

Niemand hörte mehr hin. Autolärm, Straßenbahnklingeln, Gespräche wetteiferten in der Lautstärke mit der amtlich verordneten Geräuschkulisse. Doch die Leute hörten nicht nur nicht mehr hin, sie wurden nervös. Sie ertrugen es nun schon viele Jahre, sich von aufdringlichen Ätherwellen von Platz zu Platz geleiten zu lassen. Jetzt hatten sie es satt.

In allen Städten Sachsens hagelte es Beschwerden, „Wir wollen unsere Ruhe haben, Radio können wir zu Hause einstellen.“ „Warum muß ich Beethoven hören, wenn ich Gemüse einkaufe?“ Und so weiter. Mit dem Erfolg, daß in Freital, Görlitz, Bautzen, Radeberg und an anderen Orten die Umwandlung des Stadtfunks in gewöhnliche Sprechanlagen für dringend benötigte Informationen umgewandelt wurde. Dresden leistet noch etwas Widerstand, will aber die Sendezeiten verkürzen, die Musik einschränken, Durchsagen knapper und sparsamer geben und einige „unzweckmäßige“ Lautsprecher beseitigen.

Dieser neue Kurs paßt den Stadtfunkredakteuren in Riesa gar nicht ins Konzept. Sei es aus Angst um ihren Sessel, sei es aus echter klassenkämpferischer Wachsamkeit – sie schrieben an die Bezirksleitung der SED, daß ihr schöner Plan, alle Ortsteile und sogar die HO-Gaststätten in das Sendenetz einzubeziehen, wohl nun begraben werden müsse. „Ist damit nicht den Feinden eine Handhabe gegeben, gegen die Agitationsarbeit unseres Staates anzukämpfen?“

Doch die Riesaer haben die Zeichen der Zeit nicht begriffen. Sie werden belehrt, daß sie überlebten Methoden der Agitation anhingen, nämlich einer, schulmeisterlichen politischen Belästigung. Die Agitation müsse heute persönlich ansprechender sein, sozusagen von Mensch zu Mensch wirken.