Der Verfasser macht in der Einleitung des Buches, das hier zu besprechen ist, kein Hehl daraus, daß das Manuskript „schon über zwanzig Jahre alt“ ist, aber er war der Überzeugung, daß er dennoch seinen Text „kaum abzuändern“ brauchte. So merkwürdig jeden Leser eine solch ungewöhnliche Sicherheit anmuten muß, die ja voraussetzt, daß eine Erscheinung von so weltgeschichtlicher Tragweite wie der Nationalsozialismus demjenigen, der noch vor ihr steht, und demjenigen, der sie überlebt hat, im Grunde die gleichen Aspekte bietet – ganz unmöglich braucht sie ja nicht zu sein. Es hat an Propheten einer bevorstehenden entsetzlichen Erniedrigung der Menschheit schon im 19. Jahrhundert nicht gefehlt. Ich nenne nur Tocqueville, Heine, Burckhardt, Nietzsche. Der ahnungsvoll Wissende, dem die Ereignisse des Tages ihre noch unsichtbare Rückseite nicht verbergen, ist keine undenkbare Figur. Aber wer von uns Zeitgenossen war imstande, sich von allen vordergründigen Eindrücken und täuschenden Spiegelungen so frei zu halten, daß er – noch bevor die „Bewegung“ sich in all ihren Abgründen offenbart hatte, schon ihre unterirdischen Wurzeln zu ermessen vermochte?

Am allerwenigstender Verfasser des jetzt erscheinenden Buches:

Jean F. Neurohr: „Der Mythos vom Dritten Reich. Zur Geistesgeschichte des Nationalsozialismus.“ Cotta, Stuttgart, 1957. 18,50 DM.

Er zählt nicht zu den ahnungsvollen Geistern. Vielmehr erweist er sich in seinem Buch als zugehörig zu jenem Bildungsmilieu der guten alten Zeit, in dem geistesgeschichtliches Verständnis noch gleichbedeutend war mit literargeschichtlicher Versiertheit. So entgeht er nicht dem fundamentalen Irrtum, den doch auch damals schon Rauschning in seiner „Revolution des Nihilismus“ aufgedeckt hatte, daß man nämlich über das Dritte Reich irgend etwas Belangvolles zu wissen bekäme, wenn man seine „Ideologie“ untersucht. Selbst heute noch ist aber der Verfasser ein Opfer des propagandistischen Eifers geblieben, mit dem die Führerbewegung die einfache Tatsache zu vernebeln wußte, daß ihre ganze ideologische Ausstattung nur eine schlau ausgewählte Kulisse war (wodurch sich die Nazidiktatur radikal von der kommunistischen unterschied) und daß die einzelnen Inhalte der verschiedenen „Mythen“, also etwa Sozialismus, Rasse und Volk, Reichsidee, Blut und Boden, zu dem, was Hitler wollte, in keinerlei sachlicher Beziehung standen. Sie ließen sich je nach Bedarf auswechseln. Jedes Gewässer war Goebbels recht, wenn er es nur auf seine Mühle leiten konnte, und alles, was je aus der deutschen und abendländischen Geschichte dem kleinen Mann als gut und teuer zu Ohren gekommen war, ob Luther oder Fridericus Rex, Nietzsche oder Walhalla plus Richard Wagner – alles, vor allem aber die Denunziation der Juden als Inkarnation allen Übels, bot irgendeine Seite, die der „Bewegung“ zugute kommen konnte, das heißt, der Ablieferung allen Könnens und Vermögens, aller Zeit und Tätigkeit, des Wissens und Gewissens, der Treu und des Glaubens – kurz alles dessen, was Deutschland war und vermochte, an Adolf Hitler. Denn darauf lief doch alles hinaus, und wie das möglich war – darin liegt das große Rätsel.

Von diesem Rätsel weiß das Buch nichts. Mit bravem Eifer bemüht sich der Verfasser, die literarischen Vorläufer aller „Mythen“ der Bewegung zu referieren, einschließlich des „Mythos“ selbst. Neurohr geht dabei von der nicht unberechtigten Voraussetzung aus, daß eine ideengeschichtliche Untersuchung 1933 so gut sei wie 1956, aber er hat übersehen, daß das Dritte Reich mit Ideen nichts zu tun hat. Sonst hätte er doch vielleicht Kenntnis genommen von den inzwischen vorliegenden großartigen Analysen von Hannah Arendt (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft), die es unternommen hat, dem absolut Neuen des Phänomens auf die Spur zu kommen, oder von den Untersuchungen von Eva Reichmann („Flucht in den Haß“), die auch die Frage mit einbezieht, ob eine geistesgeschichtliche Ableitung des Nationalsozialismus überhaupt zulässig ist. Die Kenntnis dieser und anderer Reflexionen über die erlebte Zeit hätte den Verfasser vielleicht davon zurückhalten können, uns in einem neuen Buch etwas mitzuteilen, was schon vor 23 Jahren – und was für Jahren! – überholt war. Siegfried Landshut