Vor einigen Tagen verlieh die Hamburger Universität, wie bereits in Nr. 47 der ZEIT ausführlich gemeldet, einem dreiundsechzigjährigen Amerikaner die Ehrendoktorwürde. Ein Lexikon gibt über seine Biographie folgende Auskunft: Geboren am 26. März 1893 in Dorchester, Massachusetts. Naturwissenschaftliches Studium an der Harvard Universität; 1916 Doktor der Philosophie; 1919 Dozent für organische Chemie; 1921 Heirat (Grace Thayer Richards); 1925 Studienreise nach Deutschland; 1927 Ordentlicher Professor für organische Chemie in Harvard; 1933–1953 Präsident der Universität Harvard; seit 1953 amerikanischer Hoher Kommissar, später Botschafter in der Bundesrepublik. Darüber steht der Name Dr. James Bryant Conant, darunter eine lange Liste der Veröffentlichungen und der Auszeichnungen.

Eine erstaunliche Biographie: Chemie, Pädagogik, Verwaltung, hinzu kommen Exkurse in das Geschäftsleben als Unternehmer und verschiedene politische Aufgaben, zuletzt eine gewichtige diplomatische Stellung. Können in einer Person so viele Gebiete vereinigt sein, ohne daß die Leistungen auf allen oder doch den meisten mittelmäßig bleiben?

James B. Conant studierte Chemie in Harvard und kam damit so weit, daß er sich schon wenige Jahre später mit Forschungen über Eigenschaften und Struktur des Chlorophylls und Eigenschaften und Reaktionen des Hämoglobins Ruf und Auszeichnungen erwarb.

1933 überraschte die Wahl des relativ jungen Naturwissenschaftlers zum Präsidenten der Universität so sehr, daß die New York Times sie als ein „educational enigma“ (was man nur sehr unzutreffend mit einem „von Erziehern gestellten Rätsel“ übersetzen kann) bezeichnete. Conant blieb zwanzig Jahre lang Präsident von Harvard. In diesen Jahren veranlaßte er Reformen und Veränderungen, die von vielen amerikanischen Universitäten übernommen wurden. Er dezentralisierte die Verwaltung. Er bestand bei der Ausbildung des akademischen Nachwuchses auf enger Verbindung von Forschung und Lehre. Er erreichte es, daß Harvard in der Zusammensetzung der Fakultät und der Studenten wie in der Bewertung und Auffassung der geleisteten Arbeit noch mehr als zuvor zu einer nationalen Institution der Vereinigten Staaten wurde. Auf seine Anregung wurden zahlreiche Stipendien für Begabte aus allen Teilen des Landes eingerichtet.

Es ist zu früh, um über seine Tätigkeit als Botschafter zu urteilen, doch wird offenbar dieser zurückhaltende ältere Herr den Sätteln, in denen er reitet, durchaus gerecht. Groß und schlank, unauffällig gekleidet, mit aufmerksamen Augen hinter den Brillengläsern, wurde dieser Professor, dem etwa fünfundvierzig Doktortitel verliehen wurden, von seinen Studenten wegen seines Humors und seines pädagogischen Geschicks geschätzt. Im Gegensatz zu seiner fast asketisch wirkenden Erscheinung liebt Conant Geselligkeit. Er erholt sich gern mit seiner Frau und seinen beiden erwachsenen Söhnen bei Tennisspiel, Segeln und Bergsteigen.

Unser Zweifel an der Fähigkeit eines Mannes, auf mehreren Gebieten Außerordentliches zu leisten, rührt zum Teil wahrscheinlich daher, daß wir nur geneigt sind; einen echten Polyhistor etwa im Range eines Leibniz gelten zu lassen, den es heute kaum noch geben kann. Selbst ein so universal begabter und gebildeter Mann wie Albert Schweitzer muß es sich gefallen lassen, auf vielen Gebieten, auf denen er den „Fachleuten“ nicht nachsteht, als „Amateur“ nicht ernst genommen zu werden. Dieses Vorurteil ist den Amerikanern fremd. Ihre Tradition des „auf mehreren Gebieten Tüchtigseins“, in der sich Conant so großen Vorbildern wie Washington, Jefferson und Franklin anschließt, hat einen anderen Charakter. Immer hat in der Geschichte der Vereinigten Staaten, bedingt durch die geistesgeschichtlichen Einflüsse wie durch die politische Entwicklung des Landes und seiner Bevölkerung ein enger Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Praxis bestanden. Empirischer Forschung wurde häufig der Vorrang gegenüber deduktiven Methoden eingeräumt. Einige der bedeutendsten amerikanischen Philosophen sind Pragmatiker. Leicht überspitzt kann man etwa sagen, daß mit Ausnahme der Theologen und Ärzte etwa kaum ein Amerikaner, der einen Beruf ergreift, annimmt, er werde sein Leben lang den gleichen Beruf ausüben. Man neigt dazu, die Ähnlichkeiten verschiedener Tätigkeiten zu betonen und hält alle, für in absehbarer Zeit erlernbar: Offiziere gehen in die Politik, Verwaltungsbeamte in die Industrie, es kommt auch vor, daß einem erfolgreichen Praktiker ohne wissenschaftliche Ausbildung ein Lehrstuhl angeboten wird. Kriterium ist nicht die Zahl der Tätigkeiten, sondern der Erfolg, mit dem sie ausgeübt werden.

Es steckt in dieser Haltung nicht wenig von der puritanischen Tradition, die gerade in den Neuenglandstaaten auch heute noch lebendig ist. Kein christlicher Lehrer hatte vor Calvin Erfolg im Diesseits zum Maßstab des Auserwähltseins gesetzt und damit einen Tätigkeitsdrang entfacht, der selbst die Aktivität des Lutheraners noch übertrifft.