J. H., Paris, Ende November

Wir haben einen Benzinvorrat für drei bis vier Monate, eine Rationierung kommt in absehbarer Zeit nicht in Frage“, so erklärte noch vor 14 Tagen voller Optimismus das französische Wirtschaftsministerium. Dieser Optimismus dauerte freilich nicht sehr lange. Denn bald darauf erschien die Verordnung, daß der Automobilverkehr nur in jenen Departementen, in denen die Wagen registriert wurden, und in den angrenzenden Departementen erlaubt ist. Der Wirtschaftsminister hat überdies verfügt, daß Treibstoff in keine anderen Behälter als in die Tanks der Wagen selbst abgegeben werden darf. Und da man in den zuständigen Kreisen sehr wohl weiß, wie wenig die Franzosen gewohnt sind, derartige Verfügungen einzuhalten, hat man sogleich auch mitgeteilt, daß Zuwiderhandelnde mit Geldstrafen bis zu 180 000 ffrs fürs erstemal und bis zu 720 000 ffrs für den zweiten Fall belegt werden. Außerdem soll der Fahrausweis entzogen werden.

Die hiesigen Fachkreise verfolgen die Entwicklung sehr aufmerksam. Für die nächste Zeit wird vor allem mit einem Mangel an Industrieöl gerechnet. Die Raffinerien haben die Abgabe von Benzin um 20 v.H. reduziert, und die Bahnen gehen an die Einschränkung des Zugverkehrs. Es werden zunächst alle Züge mit Dieselantrieb eingestellt, auch der Fernverkehr wird gedrosselt. Der weitere Mangel an Industrieöl wird, falls sich die Situation nicht bald bessert, wohl oder übel zu Produktionseinschränkungen führen. In der Automobilindustrie, die bisher als vollbeschäftigt galt und mit Aufträgen für mindestens ein Jahr versehen ist, kam es zu den ersten Arbeiterentlassungen, zur Rückstellung von Aufträgen und zu einer sehr pessimistischen Beurteilung der nahen Zukunft.

Frankreich importierte im Vorjahr mehr als 24 Mill. t Erdöl; davon kamen 22 Mill. t aus dem Nahen Osten. Unter den Bezugsländern stehen Irak mit 9,2 und Kuweit mit 7 Mill. t an erster Stelle. Etwa eine Mll. t Erdöl werden in Frankreich selbst und in den Überseeterritorien gefördert. Von den 22 Mill. t Rohöl, die aus Nahost importiert wurden, kamen 11,5 Mill. t durch den Suezkanal, während das übrige Rohöl durch Pipelines befördert wurde.

Der erste amerikanische Petroltanker wird in einigen Tagen in einem der Atlantikhäfen anlegen. Frankreich hat für nahezu 200 Mill. t Rohöl in den USA bestellt. Daß der weite Umweg, den die Tanker nehmen müssen, das Rohöl verteuern wird, ist klar. Aber daneben dürften sich eine Reihe von anderen Rohstoffimporten, die bisher durch den Kanal gingen, reduzieren und ebenfalls verteuern. Das gilt vor allem für Kautschuk, Zinn, Zink und für die australische Wolle. In der Baumwollindustrie hat man bereits Rohstoffsorgen: die in diesem Industriezweig verarbeitete langfaserige Rohbaumwolle kam bisher aus Ägypten, die Importe wurden nun eingestellt. Es sind jedoch für zwei bis drei Monate Rohstoffvorräte vorhanden. Unterdessen erwartet man Angebote aus Moskau und Prag. Beide Länder haben im Austausch mit Waffenlieferungen bedeutende Mengen von langfaseriger Rohbaumwolle erhalten, die von ihren Industrien nicht verarbeitet werden können.

Der Mangel an Hausbrandkohle hatte sich bereits vor der Suezkrise bemerkbar gemacht. Wohl erklärt man im Wirtschaftsministerium, daß gegenwärtig 79 Mill. t auf den Halden liegen, während die Vorräte im Kältewinter 1955 nur 70 Mill. t betragen hatten. Tatsache ist freilich, daß man Bestellungen für Hausbrandkohle entgegennimmt – mit den Lieferungen aber zurückhält. Der allgemeine Mangel an Energie wird sicher zu einem erheblich ansteigenden Kraftstromverbrauch führen. Die Wasserkraftwerke können indessen kaum den Bedarf decken. Andererseits sollte Frankreich im Januar bedeutende Mengen sowjetischer Kohle erhalten. Ob diese Importe eintreffen werden, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch höchst ungewiß.

Es gab natürlich auch in Frankreich einen Sturm auf die Lebensmittelläden in den ersten Tagen des Nervenkrieges, den die Kommunisten geschickt entfacht hatten. Heute bedauert man voreiligen Einkauf bereits da und dort. Die Lebensmittellager sind in Frankreich zum Bersten voll, und die Kaufpsychose war für manchen Großhändler mehr als willkommen, um.seine Reserven abstoßen und sein Lager erneuern zu können. Es gibt nur zwei Produkte, die bald fehlen könnten, weil auch sie den Weg durch den Suezkanal nahmen: Tee und Pfeffer. Aber über diesen Mangel werden die Franzosen leicht hinwegkommen...