Tübingen, Ende November

Es steht nicht zum Besten um die Frauen und Männer, die sich in der Bundesanstalt für Virusforschung die Viren der Maul- und Klauenseuche, der Tollwut, der menschlichen Grippe und der Gehirnhautentzündung bei Mensch und Tier als Gegner erwählt haben. Die Arbeitsbedingungen sind beschwerlich und nicht ohne Gefahr, das Geld ist knapp. Die Forschung läuft – was die Finanzierung betrifft – ein wenig auf dem Nebengleis. Trotzdem geben 124 Menschen den schweren Kampf für die Allgemeinheit nicht auf.

Aus dem Universitätsstädtchen im Kranz der Berge führt urplötzlich ein schwer passierbarer Pfad auf ein Baugelände, das ahnen läßt, hier werde dereinst ein imponierendes Institut stehen. Das bekunden auch die Pläne. 1953 wurde der Bau begonnen, für dessen Errichtung der Bund 10 Millionen DM zur Verfügung stellte. Doch die Fertigstellung dürfte noch etliche Jahre auf sich warten lassen. Zu viele Kompetenzschwierigkeiten bestehen unter den Aufsichtsbehörden.

Die Wissenschaftler lassen sich dadurch in ihrer Arbeit nicht aufhalten. Als die Stallungen für die Versuchstiere fertiggestellt waren, zogen sie selbst ein und richteten die Ställe als Labors und Büros ein. Streng isoliert ist die unreine Abteilung untergebracht. Hier werden Viruskulturen gezüchtet und auf Versuchstiere injiziert. Unter Elektronenmikroskopen werden die verschiedenen Phasen studiert, Bekämpfungsmethoden entwickelt und erprobt. Noch ist diese Isolierungsanlage nicht so groß wie etwa an englischen und amerikanischen Forschungsstätten. Aber die neue Arbeitsmethode, die hier praktiziert wird, ist gleich vorbildlich.

Der kleinste Verstoß gegen scheinbar unwichtige Vorschriften kann zur Katastrophe werden. Würde zum Beispiel ein Fenster geöffnet, um „normale“ Luft einzulassen, könnte etwa eine Fliege eindringen und ungehindert wieder fortfliegen, so könnte sie durch ihre Berührung mit einem der infizierten Versuchstiere eine Epidemie auslösen. Denn die Viren sind die Erreger tückischer Krankheiten, die immer wieder in völlig unberechenbaren Abständen auftreten.

1906 wurde die Maul- und Klauenseuche zum erstenmal in deutsche Gebiete eingeschleppt. Damals stellte der preußische Staat sogleich Mittel zur Errichtung einer Anstalt für Virusforschurg in Greifswald zur Verfügung, um dem Erreger der gefährlichen Seuche auf die Spur zu kommen. Professor Dr. Löffler, Mitarbeiter Robert Kochs, übernahm die Leitung. Er wurde der Begründer der Virusforschung für Tierkrankheiten in Deutschland.

Seit 1945 ist Greifswald durch den Eisernen Vorhang unerreichbar geworden. Als 1952 die Studie in Westdeutschland grassierte und Impfstoffe aus dem Ausland nur unzureichend importiert werden konnten, entstand ein volkswirtschaftlicher Schaden von 550 Millionen DM. Bonn stellte sogleich die Mittel zur Errichtung der Forschungsstätte Tübingen zur Verfügung.