n. t., Bremen

Wer ist denn das?“ murmelte der jugendliche Trompeter erschrocken, als ihn plötzlich bei einer Dixieland-Passage eine fremde Dame freundlich grüßte. Erst hinterher klärte ihn der Pianist auf: „Das war die Jugendsenatorin!“

Wie weiland Harun al Raschid wandelte Annemarie Mevissen, von Amts wegen mit der Sorge um die Jugend im Land Bremen belastet, unerkannt durch eine vielhundertköpfige Menge – alles Juendliche der Jahrgänge, denen so gern das Attribut „halbstark“ beigegeben wird. – Zu einem Tanzabend nach ihrem Geschmack, mit viel heißer Musik und kalten Getränken, ohne Erwachsene und ohne Alkohol, hatte Annemarie Mevissen, unterstützt von den sich um die „gefährdete Jugend“ sorgenden Organisationen, diese jungen Menschen eingeladen. „Sie müssen weg von der Straße“ – das war das Motto. – Das Ergebnis war der „Treffpunkt“, ein Programm für alle 15- bis 22jährigen, das sie zu Tanz-, Ballett-, Bastei- und Spielabenden einlädt. – Beim ersten „öffentlichen Tanzabend für die Jugend“ erschienen (fünfundsiebzig Pfennig Eintritt) so viele Interessenten, daß Hunderte draußen bleiben mußten. Sie standen später hinter den Glasfenstern der Aula des modernen Berufsbildungszentrums, das von den Lehrern schweren Herzens für diesen Zweck hergegeben worden war.

Die jungen Menschen benahmen sich trotz allem „Außer-Rand-und-Band“-Gehüpfe mustergültig und nahmen auch willig Milch und Coca-Cola, die ihnen von alkoholfeindlichen Damen für venig Geld kredenzt wurden. Auch beim zweiten Abend, für den vorsichtshalber schon gleich zwei Räume an verschiedenen Stellen der Stadt reserviert worden waren, ging alles sehr viel glatter, als die Pessimisten gefürchtet hatten.

Die behördliche Patrouille, die zur Inspektion der umliegenden Bänke und Gaststätten aufbrach, kehrte verfroren und beruhigt zurück: Sie hatte draußen keinen Angehörigen der jugendlichen Geneiation bei freventlichem Tun betroffen. Die Jugend zog statt der von den Erwachsenen befürchteten Ausschweifungen die ausschweifende Tanzweise des Jitterbug vor. Im rauchgeschwängerten Saal hatte sie alle Beine voll zu tun, um dem rhythmischen Verlangen der ebenso jugendlichen „Band“ gerecht zu werden.

Zwischen wackelnden Beinen und synkopendurchschwirrten Rauchschwaden zuckten zweihundert Haarschöpfe im Takt, Krausköpfe, ein paar Dauerwellen, einige Pferdeschwänze, sehr viel amerikanisch kurzgeschnittene und noch mehr pomadegebändigte Mähnen. Viele Lehrlinge, kaufmännische Angestellte, junge Handwerker und einige Arbeiter gehörten zum Gros der Anwesenden. Oberschüler dagegen waren kaum zu sehen.

Der junge Mann vom Nebentisch zupfte verlegen an seiner kessen roten Fliege, stieß endlich entschlossen seinen Stuhl unter den Tisch und steuerte auf ein junges Mädchen zu.