H. W., Saarbrücken

Die saarländische Polizei erhielt am Donnerstag den Eilbefehl, binnen zwei Stunden die Treibstoffreserven der Tankstellen innerhalb ihres Revierbezirks festzustellen und an das Saar-Wirtschaftsministerium zu melden. Dort hatte man bis zu diesem Zeitpunkt nicht viel getan.

Die Feststellungsaktion war nur mehr ein bürokratischer Verwaltungsakt, denn die Tankstellen zeigten schon seit langem das Schild: „Ausverkauft!“ Man hatte die prekäre Situation so lange verharmlost, bis das Wirtschaftsgefüge durch denTreibstoffmangel durcheinandergekommen war.

Zunächst erhielten die Tankstellen ungefähr dreißig Prozent ihres Normalbedarfs. Kein Wunder, daß es bei der Verteilung überall zu turbulenten Szenen kam. Die Tankstellenwärter bitten es schwer, ihre Kunden davon zu überzeugen, daß fünf Liter, und wenn es hoch kam, zehn Liter Benzin alles war, was man für Stammkunden übrig hatte. Sogenannte Laufkundschaft ging in vielen Fällen ganz leer aus. Es gab Schimpfereien, Verärgerungen und in Saarbrücken kam es bei dir Verteilung des heißbegehrten Treibstoffes sogar zu Schlägereien. Es fällt auch auf, daß die Super-Qualität aller Treibstoffirmen völlig vom Markt verschwunden ist, und die Kraftfahrer erzählen sich, das angebotene Benzin entspreche nicht mehr der Qualitätsnorm.

War irgendwo an einer Benzinsäule ein großer Tankwagen mit „Nachschub“ vorgefahren, dann stauten sich blitzschnell an der Zapfstelle die Wagen in Zweier- und Dreierkolonnen, und selbstverständlich galt auch dann das Stammkundenprinzip.

Mit rührender Servilität baten die Kraftfahrzeugbesitzer um gut Wetter. Noch sehen haben die Tankwarte zur Begrüßung so viele Händedrucke gewechselt, Zigaretten und Zigarren angeboten bekommen, noch selten haben die hübschen Mädchen und Damen hinter dem Volant den Männern in Kitteln und Overalls so viel Liebenswürdigkeit und treuherzige Blicke geschenkt, wie in diesen benzinarmen Tagen. Fahrer, die alle Monate einmal an einer Tankstelle vorbeikamen, taten altvertraut. Sie lobten Kinder, Haus und Hund, ehe sie sich zu der vorsichtigen Frage entschlossen: „Könnte ich ein paar Liter bekommen?“

Andere wiederum riskierten im Berufsinteresse, mit dem letzten Tropfen im Tank vorzufahren. Aber ihre Leidensmiene nützte nicht viel; denn auch die allerletzte Reserve der Händler war bald erschöpft. Wer Glück hatte und einen Freund mit weichem Herzen, dem wurde dann wenigstens mit einem Schlauch aus dem Freundeswagen so viel abgezapft, daß er bis nach Hause kommen konnte.