Von Paul Hühnerfeld

Als Max Tau, der Begründer und unermüdliche Förderer der Friedensbücherei, in diesem Herbst in mehreren deutschen Städten über die Idee seiner Bücherei sprechen wollte, erreichte ihn die Absage einer katholischen Buchhandlung. Sie hätten sich – so schrieben die Buchhändler – für die Friedensbücherei stets erwärmt, seien jetzt aber über den zweiten Band dieser Reihe, nämlich über

Nikos Kazantzakis: „Mein Franz von Assisi.“ II. Band der Friedensbücherei, herausgegeben von Max Tau, deutsche Ausgabe bei Christian Wegner in Hamburg; 350 S., 12,80 DM,

so schockiert, daß sie einen Vortrag des Herausgebers in ihren Räumen nicht mehr wünschten. Und beim Hamburger Verlag konnte man Abbestellkarten lesen, auf denen zum Beispiel stand: „Ein hiesiger Franziskaner erklärte das Buch für nicht besonders geeignet ...“

Nun leben wir ja nicht gerade in Zeiten, in denen die Autoren von Weltrang Heiligenbiographien schreiben. Die engagierten katholischen Literaten von heute sind dazu oft auch gar nicht in der Lage – zumeist Konvertiten nehmen sie, wie Evelyn Waugh oder Graham Greene, lieber die gefährdete Umwelt, aus der sie stammen, aufs Korn, als die Welt der Heiligen, in die sie sich erst noch hineinfinden müssen. Und also sollte man denken, daß die Katholiken in der Welt erfreut wären, daß Kazantzakis – ein Mann, den nur der Tod (er liegt seit Monaten freilich schwer erkrankt in Paris) am Empfang des nächsten oder übernächsten Nobelpreises hindern könnte –, daß also Kazantzakis eine Heiligenbiographie schreibt. Wer sie freilich liest, der spürt bald, daß es hier nicht dogmatisch katholisch zugeht. Urgewalten einer dionysischen Macht drängen sich in die Sätze und Worte, Häresien heute kaum noch gekannten Ausmaßes überwuchern die echten biographischen Aussagen und bringen das Buch an den Rand einer vorchristlich-heidnischen Gnosis. So wie in der „Letzten Versuchung“ – jenem Christusroman des Dichters, der vom Papst auf den Index gesetzt wurde – wird Kazantzakis auch hier durch seine rauschhafte Verzweiflung vom historischen Gegenstand hinweggerissen, oder anders: der historische Gegenstand – hier der heilige Franz – wird Vorwand für die poetisch gewaltige Verkündigung der Lehre eines großen Dichters, den man einen Seher nennen darf.

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Aber wie? Eignet sich der sanfte Heilige von Assisi nicht am allerschlechtesten für solchen Vorwand? Ist er nicht klar in seiner Milde, seiner zarten mystischen Vereinigung von Mensch und Natur, die ihn befähigte, mit Wölfen und Löwen auf du und du zu stehen und die Sprache der Vögel zu verstehen? Dies ist allerdings auch nicht der Punkt, an dem Kazantzakis einsetzt. Sein Ansatz für Franz findet er vielmehr in dem Gelübde der Armut: die Entsagung der Welt, so wie sie ist, die Distanzierung vom alltäglichen Christentum wird zum entscheidenden Kriterium.