Von Karl Krolow

Mehr und mehr beginnt sich für uns Deutsche das Werk Federico García Lorcas zu erschließen. Auch in der neuen Buchsaison ist eine wichtige Publikation von dem unermüdlichen und ausgezeichneten Übersetzer des Dichters, Enrique Beck, besorgt und vorgelegt:

Federico García Lorca: „Dichtung von tiefinnern Sang.“ Deutsch von Enrique Beck. Insel-Verlag, Wiesbaden, 125 S., 9,80 DM.

Einst, als die „Zigeunerromanzen“ bei uns bekannt wurden und man wenig oder gar nichts vom Wesen der Lorcaschen Dichtung und noch weniger von der modernen spanischen Lyrik überhaupt wußte, konnte der Laie versucht sein, in dieser Poesie jenes Folklore herauszuhören, wie man es ohnehin und früher schon mit iberischer Lyrik verbunden haben mochte. Aber der „Romancero Citano“, merkte man bald, war sehr viel mehr als Regionallyrik und romantisch-schluchzender, sentimental aufgefaßter Zigeuner-Singsang. Es war ein lyrisches Furioso, dem man begegnete und in dessen Leidenschaft sich Altes und Altersloses spanischer Dichtung gebrochen hatte, in der ebensowohl Maurisches, Frühchristliches wie höchst Modernes anzutreffen war und – wie überhaupt in neuzeitlicher spanischer Verskunst, seit Jiménez und Machado – mindestens die Metaphersprache des Barock wieder auftauchte. – Seit jener Begegnung mit Lorca im Jahre der Währungsreform sind eine Anzahl von Büchern in Deutschland und in der Schweiz hinzugekommen und haben das Bild entscheidend vertieft, wenn schon nicht verändert.

Die „Dichtung vom tiefinnern Sang“ führt in die Mitte des Lorcaschen Talentes, in die Mitte seines Dämons. Man trifft auf pure Substanz. Enrique Beck versucht in seinem präzis vorgehenden, mustergültig gewissenhaften Nachwort dem Leser nahezubringen, was ihn in den lyrischen Stücken des Buches erwartet. Man findet in diesem Vorwort die entscheidenden Sätze: „ ,Dichtung vom tiefinnern Sang’ ist ebensowenig eine Sammlung originärer Verse wie der ‚West-östliche Divan‘. Sie ist die Bedichtung eines mit Menschen, Leidenschaften, Konflikten, Gebräuchen, Versen, Liedern, Tänzen, Pflanzen, Tavernen, Tieren, Geräten, Leben, Tod erfüllten Ambientes: Bedichtung von Sängern und (oft von Lorca personifizierten) Gesängen, Instrumenten-, Tönen, Gefühlen; Um seinem Wort Rhythmen des tiefinnern Sanges zu verbinden, hat Lorca metrische Gefüge hörbar gelockert, nie aber aufgelöst; die poetische Strukturqualität dieser zum Teil musikantisch-dramatisch gesprochenen Dichtung ist romanisch gemessen, erwogen – ihr Fundament aus alter, dauerhafter Mischung trägt... auch die Bauelemente der Moderne.“ – Dem ist nichts hinzuzufügen. Beck ist ein bis zur Besessenheit gründlicher Interpret Lorcas, der auch das geringste Detail ans Licht bringt, was – angesichts der Unkenntnis der Materie bei uns – freilich auch höchst wünschenswert ist.

Die „Poema del Cante Jondo“ ist so etwas wie die uralte Artikulierung maurisch-andalusischer Überlieferung. Es ist der Gesang von der Herkunft der Seele dieses Landes, zugleich volkstümlich, exotisch, orientalisch und mit Zeitgenössischem durchzogen. Es ist, als wenn Steine, Landstraßen, Gärten, Nächte, Blut und Dolche selber Stimme bekommen hätten und mit zauberischen Zungen redeten. Es ist die Stimme einer Landschaft, die Lorca in einem Gedicht beschworen hat, das sich „Landschaft“ nennt – das in der ZEIT vom 27. September dieses Jahres zum erstenmal deutsch erschien, das jetzt auf den ersten Seiten des Bandes anzutreffen ist und hier noch einmal zitiert werden soll:

Des Ölbaums