Von Thilo Koch

Genie ist auch Fleiß! Goethes Werke umfassen rund 15 000 Seiten Text. Thomas Mann dürfte alles in allem 10 000 Seiten Gedrucktes hinterlassen haben. Beide wurden gleich alt, bei beiden ist das Briefwerk nicht mitgezählt, das für Thomas Mann auch gar nicht vorliegt. Es kommen bei Goethe noch zwei starke Bände, 2000 Seiten, Gespräche hinzu. Fleiß also hier wie da. Über das Genie herrscht weltweitklassische Einmütigkeit, was den Olympier von Weimar angeht. Die Größe von Thomas Mann ist verständlicherweise nicht ebenso maßstabgerecht fixiert.

Quantität sagt zunächst nichts über Quali:ät. Und doch hat in der Weltliteratur das Exemplarische zumeist auch einen gewissen Umfang. Genie allein genügt offenbar nicht. Ein langes Leben und in diesem Leben ein immer strebend sich Bemülen müssen hinzukommen. Thomas Mann ist unter anderem deshalb ein so großer Schriftsteller, weil er seine Projekte geduldig zu Ende brachte, fertig machte, weil er mit Kantscher Pedanterie jeden Margen an seinem Schreibtisch saß und mit seiner klaren, genauen Handschrift etwas zu Papier brachte. Gedanken, Brillanz, Gefühle, Wissen, Ironie und so weiter, das haben viele Leute. Aber wenige sind so fleißig, sie zu formulieren. Ganz wenige haben Verstand und Instinkt genug, alles so zusammenzufügen, daß daraus Bücher und mitunter Kunstwerke werden.

Zehntausend Seiten also. Liegen sie vor? Soeben ist ein neuer Band der Stockholmer Gesamtausgabe erschienen, der fünfzehnte. Damit ist allerdings das Werk im seriösen Gewande der bekannten braunen Leinenbände noch nicht vollständig präsent. Es fehlt so manches, was in Einzelausgaben herauskam, wie die Erzählung „Die Betrogene“ und der Essay-Band „Neue Studien“. Es fehlt natürlich noch der ganze Nachlaß, viele kleine Arbeiten, manches Frühe, von dem der Autor nichts mehr wissen wollte („Wälsungenblut“), und es fehlt das wahrscheinlich umfangreiche Briefwerk. Die Tochter Erika wird wohl auf Lebenszeit zu tun haben, das alles zu ordnen – hoffentlich nicht, es zu redigieren.

Diese Gefahr scheint relativ gering, denn der vorletzte Band der Stockholmer Ausgabe brachte die berühmt-berüchtigten

Thomas Mann: „Betrachtungen eines Unpolitischen.“ S. Fischer Verlag; 581 S., 24,– DM.

Die neue Ausgabe, von Erika Mann eingeleitet, enthält zwar nicht den Urtext von 1918, aber getreulich den der Auflage von 1922, so viel Kompromittierendes gegen die Demokratie, den „Fortschritt“, die „Zivilisation“ auch darin stehen mag. Thomas Mann hat die Aufnahme des gequälten, quälenden Buches in die erste Werkausgabe noch selbst gewollt, und das ehrt die Wahrheitsliebe des unentwegten Humanisten; schließlich waren seine Abwege so antihuman wieder nicht.