Ehrfurcht vor der Zauberkraft des Wortes ist das oberste Gebot für einen Hörspielautor. Äußerste Sparsamkeit der Sprache, verbunden mit der darstellenden Kraft des Ausdrucks, deuten die Verwandtschaft des Hörspiels mit der Lyrik an. Das schöpferische Wort im Funk ist Gedanke und Bild zugleich, es schafft eine neue Wirklichkeit, es läßt Zeit und Ort der Handlung eigenwillig vor der nachschaffenden Phantasie des Hörers erstehen. Die innere Aktualität der Fabel, das unmittelbare Ansprechen des einzelnen Hörers wirken allein durch die Spontanität des Bildes, das das gesprochene Wort heraufbeschwört.

Diese Grundbedingungen der funkischen Form engen die Möglichkeiten der dramatischen Gestaltung in gewissem Sinne ein, andererseits jedoch eröffnen sie eine durch Sprache und Phantasie geschaffene Wirklichkeit, die innere Vorgänge übergangslos verdeutlicht, in die Handlung einbezieht und daraus eine eigene Wirklichkeit erstehen läßt.

Wie vielseitig die Spielarten des künstlerischen Hörspiels sind, wie weit der Bogen der dramatischen Spannung gezogen werden kann, zeigt diese Zusammenstellung von vier Hörspielen des Funkautors

Erwin Wickert: „Cäsar und der Phönix.“ Steingrüben Verlag, Stuttgart; 204 S., 9,80 DM.

Von dem jüngsten in dem Band aufgenommenen Werk, das der Sammlung den Titel gab, über den vielbesprochenen „Klassenaufsatz“ und die problematische „Kühne Operation“ bis zurück zu der 1949 entstandenen Groteske „Das Buch und der Pfiff“ ist nicht nur die steile Entwicklung dieses Autors zu verfolgen – der Leser gewinnt dabei auch einen Eindruck von den vielschichtigen und subtilen Möglichkeiten des dichterischen Hörspiels überhaupt. Alle Stoffe aus dem Bereich der privaten Sphäre, so zeigt sich hier, können auch für den Funk dramatisiert werden, gleich, ob es sich dabei um die Widerspiegelung der persönlichen Atmosphäre bei der Ermordung eines Diktators oder um die gefühlsbetonte Rückerinnerung an einen kurzen Urlaub handelt. Immer dort, wo ein einzelner Mensch Konflikte austrägt, setzt die besondere Wirkung des gesprochenen Wortes ein. Das Schicksal des einzelnen rührt den Hörer als Einzelperson an, er fühlt sich in die Entscheidung einbezogen. Sieht man dies als das eigentliche Kriterium an, so ist das Hörspielbuch Erwin Wickerts symptomatisch für die Bildwirklichkeit des Funkspiels, das die Einseitigkeit bloßer literarischer Wertung ablöst. d. r.