Paris, Ende November

Vernissage Hartung in der Galerie de France. Gedränge mondäner Besucher, Kunstkritiker, Maler. Stimmengewirr („... unter uns gesagt, nichts als Gekritzel!“ – „Wissen Sie nicht? Hartung notiert schon höher als Buffet...“ „Oh ...“). Um den Meister respektvolle Stille – fast abweisend steht er in der Mitte seiner Bewunderer: dichtes Schwarzhaar über faltiger Stirn, die Intellektuellen-Hornbrille vor gespannt blickenden Augen.

Die gleiche Spannung, nur gesteigert, auf Bildern großen Formats. Keine Bilder im herkömmlichen Sinn, sondern eher Zeichen an der Wand, Mahnzeichen, sonderbar drohend. Schwarze Striche auf hellgetönte Flächen,

Hans Hartung, 1904 in Leipzig geboren, fand – wie seine Biographin Madeleine Rousseau betont – seit 1922 selbständig zu einer non-figurativen Ausdrucksweise. Aber schon ein Jahrzehnt vorher hatte Kandinsky sein erstes abstraktes Aquarell gemalt, hatte Malewitsch sein berühmtes „Schwarzes Viereck auf weißem Grund“ entworfen, zu Beginn der zwanziger Jahre wurde die ungegenständliche Kunst bereits im Bauhaus gelehrt. Zu gleicher Zeit herrschte in Deutschland der Expressionismus, der Hartung entscheidend beeinflußte; er empfing von ihm die Intensität der Aussage, von der abstrakten Kunst das Rationale. 1931 kam er, als ein Fertiger bereits, nach Paris. Zwei Jahre arbeitete er allein auf der Insel Minorca. Das atmosphärische Lichtblau, das oft als Hintergrund seiner „Zeichen“ dient, ließe sich als Widerschein des südlichen Himmels deuten; Hartung selbst jedoch lehnt jeden Bezug seiner Bilder zur Wirklichkeit ab. 1935 ging er ganz nach Paris, verlor den deutschen Paß und erlebte die Unsicherheit des Exils. 1939 trat er in die Fremdenlegion ein, kam nach Afrika, 1940 dann nach Südfrankreich, flüchtete 1943 vor den deutschen Truppen nach Spanien, wurde dort gefangen genommen, durch amerikanische Vermittlung freigelassen und kam wieder nach Afrika. 1944 wurde er an der elsässischen Front eingesetzt und bei Beifort schwer verwundet; man amputierte ihm ein Bein. 1945 kam er nach Paris zurück und begann, nach sechsjähriger Pause, wieder zu malen.

Der komme revolté der Nachkriegsjahre, das Erlebnis der Sinnlosigkeit fand in den Werkel von Sartre und Camus den literarischen, in den Arbeiten Hartungs den graphischen Ausdruck. Plötzlich erkannte man die düstere Zeichensprache seiner Bilder als die Signatur einer Epoche, Aber ähnlich wie in der Literatur das Beharren in „existentieller Angst“, zu ermüden beginnt, so ermüdet heute in der abstrakten Malerei die Wiederholung eines bestimmten bildnerischen Schemas. Zweifellos hat Härtung seine persönliche Handschrift gefunden: aber gerade diese Verwirklichung des eigenen Stils wird zur Begrenzung, wenn der Kontakt mit der Natur und mit der sich ständig wandelnden psychischen Wirklichkeit bewußt gemieden wird. Hartungs Kunst stellt sich so als eine Grenzform abendländischer Rationalität dar, deren Einseitigkeit nicht radikaler ausgedrückt werden kann

Viele Kritiker weisen auf die „Dynamik“ in Hartungs Bildern hin, zeigen Parallelen zwischen seiner Kunst und der Technik auf; man meint, im Zeitalter der Überschallflugzeuge müsse auch die Malerei das Phänomen der Geschwindigkeit vermitteln. „Hartung hat an Stelle der Formen Kräfte gesetzt“ schreibt sein. Interpret R. V. Gindertael. Der Meister selbst kümmert sich nicht um die Deutungen seiner Kritiker. Einem von ihnen, Michael Ragon, antwortete er auf die Frage, ob die Büschel seiner Linien Gräser darstellten: „Ich mache Striche.“ Gertrude v. Schwarzenfeld