RS, Bonn, Ende November

Selten nur vollzieht sich ein Ministerwechsel in solcher Harmonie, wie vor einigen Tagen die Ablösung im Bundespostministerium. Welch schweres Scheiden, als andere Minister gingen! Vor drei Jahren hatte der scheidende Minister Balke die „altehrwürdige, aber etwas festgefahrene Postkutsche“, wie es Staatssekretär Gladenbeck ausdrückte, in seine experimentierfreudigen Hände genommen; er hat entscheidenden Anteil daran, daß sie finanziell gesundete. Die Post sei, so spöttelte er, nun wieder so gut in Ordnung, daß man sie sogar der Politik überlassen könne.

Aber der Politiker Lemmer ist nichts weniger als ein Besserwisser. Gerade ihm ist am wenigsten zuzutrauen, daß er dieses seit Kaiser Wilhelms Zeiten in wohlbewährten Bahnen fahrende Unternehmen „durch Bosheit oder Dummheit“ (um mit seinen eigenen Worten zu sprechen) durcheinanderbringen könnte. Er trete mit einem Empfinden innerer Bescheidenheit das neue Amt an, in dem er sich zunächst nur als Posteleve betrachte. Er hätte seine Rede nach den in souveräner Sachkenntnis und wohlgeschliffenen Pointen funkelnden Formulierungen Dr. Balkes nicht glücklicher beginnen können. Man hätte es schwer nach diesen in Geist und Witz brillierenden Abschieds- und Begrüßungsworten der beiden Postminister festzustellen, wer dabei besser abgeschnitten habe.