Seit Titos aufsehenerregender Rede in Pola über den verderblichen Einfluß der „Stalinisten“ im Kreml, versuchen die Rußlandsachverständigen der ganzen Welt, in dem angeblichen „Machtkampf zwischen den Stalinisten und Antistalinisten“ auf den Sieger zu tippen. Zu den Stalinisten zählt Tito vor allem seinen Erzfeind Molotow (dem die Verschlechterung der Beziehungen zwischen Belgrad und Moskau bereits ein neues Ministerium eingetragen hat) sowie den Verteidigungsminister Marschall Schukow und den neuen Stern am Kremlhimmel, Suslow. Es gibt sicher Dinge, die diese drei Männer gemeinsam haben und die sie von anderen Sowjetgrößen, Bulganin, Schepilow und Mikojan, unterscheiden. Aber das Unterscheidungsmerkmal, auf das., es ankommt, ist nicht die „Liebe zu Stalin“.

Man kann versuchen, Stalin zu imitieren, wie Napoleon III. versucht hat, Napoleon I. zu imitieren, und es mag in Rußland Stalin-Bewunderer geben, so wie es in Frankreich noch lange nach dem Tod des großen Korsen Bonapartisten gab. Aber Stalinismus ohne Stalin ist ebenso schwer vorstellbar wie Despotismus ohne Despoten. Fragen wir daher Chruschtschow und Molotow nicht nach ihrer Einstellung zu Stalin – dabei wird wenig herauskommen –, sondern nach ihrer Einstellung zu uns, zum Westen, zur „Koexistenz“.

Vorausschicken muß man, daß Koexistenz im heutigen Sowjetvokabular nicht dasselbe ist wie Koexistenz zur Zeit Lenins und Stalins. Für Lenin war Koexistenz die Antithese zu einer Revolution zur Unzeit, eine Warnung an Hitzköpfe unter den eigenen Genossen. Auch Stalin wollte mit der Formel vom „Sozialismus in einem Land“ die Weltrevolution abbremsen, bis Rußland den „Kapitalisten“ militärisch gewachsen sei. Für Chruschtschow dagegen ist Koexistenz die Anthithese zum Kalten Krieg.

Gegen die Beendigung des Kalten Krieges hatten aber auch Chruschtschows Kollegen, die heute als „Stalinisten“ bezeichnet werden, nichts einzuwenden. Schukow feierte frohes und freundschaftliches Wiedersehen mit Eisenhower auf der „Gipfelkonferenz“ in Genf und Malenkow breitete mit Geschick und Erfolg in London für Chruschtschow und Bulganin den roten Teppich aus. Von Molotow ist nur bekannt, daß er die Aussöhnung mit Tito mißbilligte. Aber das allein genügt schwerlich, um ihm von neuem Einfluß auf die Außenpolitik einzuräumen.

Die Geschäfte eines Ministers für Staatskontrolle, die Molotow jetzt führt, haben sehr viel zu tun mit der Überwachung der Staatsfinanzen, aber sehr wenig mit Moskaus Beziehungen zu fremden Mächten. Weder in Moskau noch in Warschau – dort ganz bestimmt nicht! – hat man vergessen, daß Molotow ja nicht nur Tito brüskiert, sondern im Verein mit Ribbentrop auch Polen aufgeteilt hat. Will Moskau in Polen ein zweites Ungarn, dann braucht es nur Molotow wieder zum Außenminister zu machen! Aber vorerst scheint es das – glücklicherweise – nicht zu wollen.

Molotow ist Großrusse und wird immer auf der Seite derer stehen, die sagen: „Macht mir vor allem Rußland stark!“ Diesem Ziel wird er alles unterordnen – sogar die „Weltrevolution“. Darin begegnet er sich mit Schukow und einem anderen „Großrussen“, Suslow.

Chruschtschow dagegen hatte gehofft, durch Abwerfen von ideologischem Ballast (Personenkult, Führungsanspruch der russischen KP und dergleichen) den festgefahrenen Karren der Weltrevolution wieder in Gang zu bringen, und er hatte den Genossen versprochen, daß dies gelingen werde, ohne die Sicherheit Rußlands zu gefährden. Er wollte rings um den eigentlichen sowjetischen Herrschaftsbereich ein gewaltiges Vorfeld von sozialistischen und „mit Moskau befreundeten“ Staaten schaffen. Durch diese Rechnung haben ihm die Ungarn einen bösen Strich gemacht. Das war peinlich genug. Aber noch peinlicher (auch für Chruschtschow) ist, daß dabei das Ansehen der Roten Armee zu Schaden kam. Das läßt Männer wie Schukow und Suslow nicht gleichgültig.