D. L., London, Ende November

Am 17. Dezember wird in Großbritannien die Rationierung von Mineralölerzeugnissen in Kraft treten, die erste sichtbare und fühlbare wirtschaftliche Notmaßnahme seit dem Beginn der Suezkrise. Großbritannien ist von den wirtschaftlichen Folgen der Blockierung des Kanals, durch den monatlich fast sechs Mill. t Erdöl geschleust wurden, und durch die Unterbrechung der LPCölleitung, deren Monatskapazität zwei Mill. t betrug, selbst am härtesten betroffen; denn da das Land ohne nennenswerte eigene Vorkommen ist, müßte der gesamte Bedarf um das Kap der Guten Hoffnung geholt werden, was wohl theoretisch möglich wäre, sich praktisch aber nicht durchführen läßt, weil selbst bei Einsatz aller verfügbaren Tankereinheiten die Anlieferungen auf höchstens 4,5 Mill. t monatlich gesteigert werden könnten.

Aber das wirtschaftliche Gefüge Großbritanniens hängt vom Öl ab. Der Güterverkehr innerhalb des Landes, die Stahlindustrie mit einem Jahresverbrauch von 1,5 Mill. t (2/5 aller Hochöfen sind mit Öl befeuert), die chemische Industrie, ja, fast alle Zweige der Wirtschaft müssen zum Erliegen kommen, wenn die Ölzufuhr nicht aufrechterhalten werden kann. Die britischen Hoffnungen richten, sich daher heute mehr als zuvor auf die USA‚ die zu Beginn der Krise Öllieferungen gegen Sterlingbezahlung zusagten und auch Pläne hierzu ausgearbeitet hatten. Aber in dem Verhältnis zu den USA ist seit der britischen Aggression eine Abkühlung eingetreten. Der Ausschuß, der sich mit der Planung der Öllieferungen befaßte, hat seine Arbeit eingestellt, und das beste, das die Briten erwarten können, ist der ölankauf gegen Bezahlung aus den ohnehin gefährlich niedrigen Dollarreserven. Etwa 200 Mill. $ würden die Ölimporte aus den USA kosten, das sind Summen, die Großbritannien ohne Inanspruchnahme des Internationalen Währungsfonds oder der Im- und Exportbank nicht aufbringen könnte.

Doch auch in diesem Falle wären Englands Pro-

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bleme nicht gelöst; denn um das Öl über den Atlantik zu bringen, reichen die amerikanischen Flotten nicht aus; es müßten erhebliche Tonnagen von der Nahostroute abgezweigt werden, mit dem Resultat, daß Öl aus den britischen Feldern mehr und mehr liegenbleiben muß. Aber selbst der Güterseeverkehr steht vor unübersehbaren Schwierigkeiten. Ein Schiff, das früher durch den Suezkanal nach Kalkutta fuhr, muß jetzt die Route um das Kap nehmen, die 7400 Meilen länger ist, einen Monat länger dauert und 20 000 £ mehr kostet (die Suezpassage hätte vergleichsweise nur 3500 £ gekostet). Die Auswirkungen auf den Umschlag von Export- und Importgütern sind nicht nur finanziell höchst bedenklich, sie können sogar zu einer Katastrophe in der Rohstoffversorgung der Insel, Verlangsamung der Exportverschiffungen und zu einer Arbeitslosigkeit führen.

Ein genaues Bild läßt sich über den Umfang der Kanalblockierung noch nicht machen. Die Schätzungen der Experten für die Räumungsdauer schwanken daher auch zwischen drei und sechs Monaten, vorausgesetzt, daß neue politische und militärische Komplikationen nicht hinzutreten. Im Lichte dieser Schätzungen dürfte sich die Behauptung des britischen Schatzkanzlers McMillan, daß die Gesamtkosten der Nahost-Intervention 50 Mill. £ nicht überschreiten würden, von selbst entwerten, denn der Versorgungsminister Maudling erklärte vor dem Unterhaus, daß die militärischen Operationen allein 35 bis 45 Mill £ kosten würden. Schon der Verlust aus der Kraftstoffsteuer bei einer allgemeinen Verbrauchssenkung um 25 v. H. würde wöchentlich fast 2 Mill. £ betragen. Unter diesen Umständen wird es dem Schatzkanzler kaum gelingen, weder den zum Jahresbeginn versprochenen Überschuß von 460 Mill. £ zu erwirtschaften oder zu ersparen, noch die Gold- und Dollarreserven zu erhöhen ...

Schließlich zeichnet sich noch eine Gefahr ab, die größte und anhaltendste vielleicht, der die britische Regierung zu begegnen haben wird: die spekulativen Sterlingverkäufe, die ständig die Verschlechterung in der Außenhandelsbilanz begleitet haben und die die Depression der Währung unkontrolliert beschleunigen können. Die bereits als Möglichkeiten erwähnten Kreditaufnahmen oder die Einstellung der Rückzahlungen der amerikanischen Anleihen müssen zweischneidige Maßnahmen sein, deren quantitativer Wert durch eine ideelle Schädigung des Vertrauens in die Sterling Währung aufhebbar ist. Dann aber würde selbst eine Sterlingabwertung den Schaden nur noch vergrößern können; denn die besten Exportchancen nützen Großbritannien nichts, solange der Güterverkehr durch mangelnden Schiffsraum behindert ist. Diese Konsequenz hat auch die britische Regierung nicht in Abrede gestellt. Sie wird daher mehr denn je zuvor bedacht sein, jede Schwächung der Sterlingwährung zu vermeiden. Ob es ihr gelingen wird, hängt hauptsächlich davon ab, wie lange der Ölfluß aus dem Nahost unterbrochen bleibt.