K-a, Mannheim

Die große, reiche Industrie- und Kulturstadt Mannheim hat keinen Zoo mehr. Juristisch gesehen besaß sie zwar nie einen, aber alle Mannheimer Tierliebhaber nannten den kleinen Privatzoo von Paul Bolich, draußen am Rande der Stadt, im Käfertaler Wald, „unseren Zoo“. Obwohl die Stadtväter an dieser liebevollen Verwendung des Possesivpronomens hätten erkennen müssen, wie sehr hier das Lebenswerk eines einzelnen zum geachteten und geliebten Allgemeinbesitz erhoben worden war, lasen sie daraus nicht die Verpflichtung ab, Paul Bolich zu helfen, als er Hilfe nötig hatte.

„Krankheitshalber verkaufe ich sofort freibleibend zu jedem annehmbaren Preis: Löwe, Puma, Schakal...“ – lasen die Abonnenten der Fachzeitschriften. Hinter den dürren Worten der Anzeige verbirgt sich das Ende einer Lebensaufgabe.

Vierzig Jahre reiste Paul Bolich mit eigenem Zirkus; seit zwanzig Jahren fast pflegen er und seine Frau ihre Tiere im Käfertaler Wald. Jetzt sind sie beide weit über sechzig, beide einer solchen Aufgabe nicht mehr voll gewachsen. Die Tiere mußten von den Eintrittsgeldern erhalten werden. Manchmal fand Bolich mit der Bitte um finanzielle Unterstützung auch bei den Stadtvätern Gehör. Und doch denken die beiden alten Leute mit Schrecken zurück an die frostklirrenden Wochen des letzten Winters, als der Tiger krank wurde, als sie die Tiere in Decken und Säcke einwickeln mußten.

Was sollte da zum Beispiel mit der afrikanischen Rieseneidechse geschehen, die sogar in warmen Sommernächten ihre Wärmflasche bekam?

Als die Mannheimer von der Annonce in den Fachzeitschriften hörten, wollten sie es nicht zulassen, daß ihr Zoo in alle Winde verstreut werden sollte. Innerhalb weniger Tage gingen bei einer Tageszeitung 750 Mark ein. 330 Mark davon waren von Mannheimer US-Soldaten gesammelt worden.

Obwohl außerdem Mannheimer Firmen Arbeitskräfte und Material zur Errichtung eines städtischen Tierparks stellen wollten, griff die Stadt nicht zu. Man rechnete dort zunächst mit 300 000 D-Mark, die aber später auf 75 000 DM reduziert werden konnten, als man sich die Mühe machte, einmal genau nachzurechnen. Die Konferenz wurde vertagt, man wollte prüfen...

Doch Paul Bolich konnte nicht warten; er mußte die Tiere bis zum Einbruch der Kälte in sicheren Händen wissen. Der Verkauf hat begonnen. Affen, Nashorn, Kamel und Löwe sind schon fort, Tiger, Puma, Schakal, Papageien werden folgen. „Zu jedem annnehmbaren Preis...“ hätte die Großstadt ihren kleinen und großen Kindern den Zoo erhalten können.