Die „polnische Lösung“, also der Übergang von der stalinistischen zu einer milderen nationalkommunistischen Diktatur, hätte dem ungarischen Volke zweifellos unermeßliches Leid erspart. Dennoch scheint es uns müßig, den Fehlschlag des nationalkommunistischen Experimentes in Ungarn zu beklagen.

Der ungarische Nationalkommunismus war nie eine wirkliche Kraft. Seine Vertreter sind nicht nur am bösen Willen der Russen, sondern auch an ihrer eigenen politischen Schwäche gescheitert. Ihnen fehlte jeder Rückhalt im Volke, der es in Polen einem Gomulka ermöglichte, sich gegen den Willen Moskaus den Weg zur Macht zu erzwingen.

Dem Führer der ungarischen Nationalkommunisten, Imre Nagy, gebrach es weder an persönlichem Mut und Charakterstärke noch an einer klaren politischen Konzeption. Dennoch war er bis vor kurzem kaum etwas anderes als eine willenlose Schachfigur in jenem großen Spiel auf Leben und Tod, das schon zu Stalins Zeiten im Kreml gespielt wurde und das jetzt von seinen Nachfolgern unter Hinzuziehung Titos fortgesetzt wird.

Als waschechter Moskowiter war Nagy im Herbst 1944 zusammen mit Ernö Gero nach Debrecen gegekommen, um dort unter dem Schutz sowjetischer Bajonette eine provisorische Regierung zu bilden. Im Gegensatz zu seinem Landsmann Laszlo Rajk, zum Polen Gomulka und zum Bulgaren Kostoff hatte er die Kriegsjahre nicht im eigenen Lande, sondern im sowjetischen Exil verbracht. Dies war zunächst sein Glück, denn es waren zweifellos die in Moskau angeknüpften Beziehungen, die ihn vor dem Schicksal Rajks und Kostoffs bewahrten. Als Rakosi im Jahre 1949 seine Gegner vom rechten Parteiflügel liquidierte, wurde Nagy zwar sämtlicher Parteifunktionen enthoben, aber er wurde nicht verhaftet und tauchte schon ein Jahr später wieder in der kommunistischen Führergarnitur Ungarns auf. Dies ließ sich nur damit erklären, daß er in Moskau einen mächtigen Gönner hatte.

Nach Stalins Tod zeigte sich sehr bald, wer dieser einflußreiche Gönner war. Unter der Ägide Georgi Malenkows wurde Nagy im Juli 1953 Ministerpräsident. Aber die Machtverhältnisse im Kreml waren schon damals zu verworren, um klare politische Entscheidungen zu ermöglichen. Nagys Gegenspieler Rakosi blieb Parteisekretär und hatte somit die Möglichkeit, die konsequente Durchführung des von Nagy verkündeten Reformprogramms zu verhindern.

Erst im Oktober 1954 gelang es Nagy vorübergehend, Rakosis Einfluß zu brechen und ihn außer Landes zu schicken. Nun wurde ein zweites Reformprogramm angekündigt, und zum ersten Male auch einige Opfer der großen Säuberung von 1949 bis 1952 rehabilitiert, so die Schlüsselfigur der Prozesse gegen Rajk und Slansky: Noel Field, sowie einer der Mitangeklagten Rajks, General Palffy. Damals war jedoch Malenkows Stern bereits im Sinken. Vier Monate später stürzte er, und ihm folgte sogleich sein ungarischer Schützling Nagy, der zunächst auf Krankenurlaub geschickt und im April 1955 sämtlicher Funktionen enthoben wurde.

Vielleicht war diese enge Verbindung mit Malenkow das entscheidende Hindernis gegen die Rückkehr Nagys an die Macht in den Monaten nach dem XX. Parteitag der KPdSU. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die für die Stabilisierung der Verhältnisse in Ungarn unumgängliche Wiedereinsetzung Nagys in erster Linie deshalb hintertrieben wurde, weil sie eine allzu große Genugtuung für den gestürzten, aber seinen Rivalen immer noch gefährlichen Malenkow bedeutet hätte.