Die „Corona“ war in den dreißiger Jahren eine großartige Zeitschrift, die – welch sonderbare Konstellation – wirken konnte, weil sie nicht aktuell war. Die Weltliteratur nämlich, mit der sie sich befaßte, gehörte vergangenen Epochen an und konnte daher nicht gut verboten werden. Einen der „Corona“-Herausgeber hat nun das Buch

Martin Bodmer: „Variationen zum Thema Weltliteratur“, Suhrkamp – Verlag, Frankfurt a. M.; 260 S., 14,80 DM,

zum Verfasser. Daß Bodmer von dem Begriff der Weltliteratur, wie Goethe ihn prägte, ausgeht, ist selbstverständlich, weniger aber, daß er auch mit Goethe endet. Goethe ist für ihn „die letzte Erfüllung der abendländischen Idee. Was auf ihn folgt, sind ihre Epigonen oder ihre Zerstörer“. Damit ist der Standpunkt Bodmers klar bezeichnet. In seiner Bibliotheca Bodmeriana hat der Verfasser Weltliteratur gesammelt und sich Gedanken über ihren Sinn und Wert gemacht. Unsystematisch, von vielen Seiten her, ohne schriftstellerischen Ehrgeiz, doch als belesener und gern meditierender Zeitgenosse, rückt er ihr zu Leibe, und zwar durchaus nicht literarisch. Denn es geht ihm um ein bestimmtes Weltbild, das durch die Deutung der Weltliteratur gewonnen werden soll, nicht um sie selbst, die sich in einem „Pentagon“, einer Fünfzahl, bestehend aus Homer, der Bibel, Dante, Shakespeare und Goethe für Bodmer präsentiert.

Das Weltbild, um das es Bodmer geht, ist eine Synthese von Antike und Christentum. Darin liegt noch nichts Neues, es sei denn in der Methode der Auffindung, in der Art der Variationen zum einen und einzigen Thema. Mit ihnen jedoch macht Bocmer es den Lesern nicht immer leicht, weil er nicht pointiert schreibt. Daran hindert wohl die schwere Gedankenfracht. Doch gelangt ein Kapitel, das an Gegenständlichen bleibt, wie das über die Urkunde, in die Nähe des Essays. In der Absicht des Verfassers liegt das nicht. Er läßt vielmehr in seinen Meditationen nichts aus und geht auf Um- und Abwegen auf sein Ziel los. Die Vorzüge und die Mängel einer fehlenden festen Terminologie dürften hierbei einander die Waage halten. Doch für die formalen Nachteile entschädigt der Gehalt – der als Gehalt der Weltliteratur die ewigen Sinnfragen des Daseins umschließt. Oskar Jancke