Wer annimmt, daß die freie Meinungsäußerung in der Sowjetunion nur zum Hohn in der Verfassung verankert ist, der kennt die Lubjanka nicht.

Die Worte eines meiner Zellenkameraden waren berechtigt: „Sie staunen wohl, daß man auch in der Sowjetunion vollkommen freimütig über alle Fragen diskutieren kann? So etwas gibt es auch nur im Gefängnis.“

Auch heute noch muß ich mich immer wieder an das kritische Urteil dieser Menschen über die Mentalität der europäischen Völker erinnern. Zuerst schien mir die oft harte Kritik verletzend, aber die noch härtere und rücksichtslosere Selbstkritik dieser Männer versöhnte mich. Um so mehr, als sie mir für mein weiteres Leben Erkenntnisse mitgaben, die mich für immer diesen Menschen ganz besonders verpflichten. Eine kurze Zusammenfassung der Ansichten eines meiner Zellenkameraden aus dem Jahre 1949 erscheint mir aufschlußreich: „Ich war bis zu meiner Verhaftung maßgeblicher und überzeugter Funktionär der bolschewistischen Partei. Mein Fehler war, daß ich mich bemühte, die vielen Mängel und Schwächen unserer Parteiarbeit abzustellen und sie offen anzuprangern. Kurz, ich dachte zu viel, kritisierte zu viel und sehe ein, daß unsere Staatsform mich deswegen vernichten mußte. Ich verstehe auch, daß ein Abakumoff oder Berija mich heute von neuem verurteilen muß. Wenn sie nämlich mich und die vielen Gleichgesinnten freilassen, dann würden wir ihnen erst recht gefährlich werden. –

Als die Deutschen uns den Krieg erklärten, sah ich die Möglichkeit einer Befreiung der russischen Völkerfamilie vom Terrorjoch des Bolschewismus. Aber schon die selbstherrliche, überhebliche und unmenschliche Behandlung unserer Kriegsgefangenen ließ mich einen großen Teil meiner Achtung vor Ihrem Volk verlieren. Mein Nationalgefühl bäumte sich dagegen auf. Dann lieber unter eigener Gewaltherrschaft untergehen, als von einer fremden Despotie mit Füßen getreten zu werden. Ihr Deutschen habt hervorragende Wissenschaftler, auch gute Soldaten sollt Ihr gewesen sein, aber Ihr seid sehr kurzsichtige Politiker und macht Bismarck bestimmt keine Ehre. Auch habt Ihr Eigenschaften, die Euch bei uns nicht gerade beliebt machen. Vielleicht ist es die Enge des Raumes, auf dem die Deutschen zusammengepfercht sind, die sie zu der materiellen und kleinlich seelenlosen Art erzogen haben. Sie haben sich eine eigene Lebensweise gegeben, die wir bei Ihnen in Deutschland bewundern. Sie durchdenken und Verfeinern jeden Schritt in Ihrem Leben, arbeiten mit der sprichwörtlichen deutschen Unermüdlichkeit, um Ihr gestecktes Ziel zu erreichen. Aus Ihrem persönlichen Glücksgefühl heraus haben Sie aber den Wahn, auch alle anderen, mit denen Sie in Berührung kommen, mit diesem von Ihnen für einzig richtig gehaltenen Lebensstil zu beglücken. Laßt uns Russen, aber auch alle anderen Völker auf die eigene Weise selig werden. Wir sind durch Jahrhunderte ein getretenes Volk, und auch in der heutigen großrussischen Völkerfamilie der Sowjetunion ist das Verständnis für Recht und Unrecht besonders stark ausgeprägt. Gerade dadurch, daß man uns in den letzten dreißig Jahren mit Versprechungen hingehalten hat und betrügt, sind wir skeptisch und mißtrauisch gegen jeden geworden.

Ich persönlich habe mich seinerzeit berauscht an dem wirtschaftlichen Aufbau unseres Landes, der erstmaligen Möglichkeit, am geistigen und wissenschaftlichen Leben der Menschheit teilhaben zu können und bei persönlicher Befähigung alle Entwicklungsmöglichkeiten vor mir offen zu sehen. Gewiß, es wurde mir alles durch die rosa Brille des Kommunismus gezeigt, und ich sah nicht das tatsächliche Geschick unseres Volkes. Wir waren alle stolz auf das, was wir geleistet hatten, denn neben wirtschaftlichem Erfolg hat der Kommunismus bis auf ganz wenige Ausnahmen alle Völker der Union zu einer Verbundenheit geführt. Das Verhalten der Deutschen während des Krieges gegenüber unseren Völkern hat uns erst recht zusammengeschweißt.

Lernen Sie eines: Es ist nicht wichtig, daß man lebt, sondern wie man lebt! Ich habe mein geliebtes Vaterland erst im Lager kennengelernt. Auch Sie werden das heutige Rußland und die Menschheit im Lager am besten kennenlernen. Wählen Sie sich Ihre Zuhörerschaft selbst, wenn Sie über diese Erfahrungen einmal etwas zu sagen haben. Versuchen Sie objektiv zu bleiben, Ihre Feinde zu durchschauen, und lernen Sie von ihnen. Seien Sie nicht überheblich, und unterschätzen Sie Ihre Feinde nie! Lassen Sie sich nie aus Fanatismus oder Prinzip zu etwas hinreißen, das ist ein Zeichen unreifer Kurzsichtigkeit.

Nur wenn der Westblock aus der Niederlage Hitlers gelernt hat und an der wirklichen Befreiung der russischen Völkerfamilie von der Despotie und Versklavung durch den Bolschewismus aufrichtig interessiert ist – unter Berücksichtigung unserer Art und Selbständigkeit –, halte ich einen Sieg des Westens für möglich.

Lehren Sie ferner Ihre Umwelt, alle Maßnahmen und scheinbaren Zugeständnisse der Sowjetunion skeptisch und kritisch zu beurteilen, und lassen Sie sich nie voreilig zu den geringsten Zugeständnissen gegenüber der Sowjetregierung hinreißen. Erst wenn Sie mich in Rußland werden besuchen können, oder ich Sie in Deutschland, ohne Gefahr zu laufen, eingesperrt zu werden, und wir über alle Probleme nicht nur im Gefängnis werden offen sprechen können, dann werde ich eine Koexistenz auch bei verschiedenen politischen Voraussetzungen auf allen Gebieten für möglich halten.“