H. 2522. Name: unbekannt, Vorname: vielleicht Barbara, geb. etwa 1945 in Breslau, Augen blaugrau, Haar dunkelblond. Das Kind wurde als vier bis fünf Wochen alter Säugling im Dezember 1945 dem Kinderheim Breslau-Ohlewiesen übergeben.“ Oder ein anderes Beispiel. Wieder ist es ein Kind, dessen Name unbekannt ist, das vielleicht Gerhard heißt, etwa 1942 geboren wurde und aus Pommern oder Ostpreußen stammt. Als man es auflas und ein Zug vorbeifuhr, sagte es: „In der Eisenbahn ist meine Mutter mit einem Fahrrad.“

So oder so ähnlich heißen die Suchmeldungen, die heute, zehn Jahre nach Kriegsende, immer noch nicht verstummt sind. Das Schicksal von Tausenden Vermißten des letzten Krieges ist noch nicht geklärt, da hat schon wieder neues Töten, Brennen und Verschleppen begonnen. In Ungarn und Ägypten verlieren Kinder Vater und Mutter, werden zum Strandgut politischer Zerwürfnisse, an denen sie – und oft auch ihre Eltern – nicht im geringsten schuld sind.

In den Genfer Konventionen zum Schutz der Kriegsopfer von 1949 wurden zum erstenmal Bestimmungen aufgenommen, die Kinder besonders schützen sollen. Der Artikel 24 der vierten Konvention bestimmt zum Beispiel, daß die kämpfenden Parteien für verwaiste oder von ihren Familien getrennte Kinder unter allen Umständen sorgen und sie nach Möglichkeit in neutralen Ländern unterbringen sollen. Außerdem wird den Staaten auferlegt, Mittel und Wege zu finden, damit Kinder unter zwölf Jahren auf eine geeignete Weise schnell identifiziert werden können, wenn sie von ihren Familien getrennt werden sollten. Zu diesem Zweck sollen zentrale Auskunftsbüros geschaffen werden. Können weder Eltern noch Verwandte oder Freude für die Kinder sorgen, hat die Okkupationsmacht ihren Unterhalt und ihre Erziehung zu sichern, und zwar durch Personen gleicher Nationalität.

Seit zehn Jahren bemüht sich der Suchdienst des Roten Kreuzes, die durch den Krieg und die Nachkriegszeit auseinandergerissenen Familien zusammenzubringen. In diesem Ziel waren sich die Suchdienste beider Teile Deutschlands einig. Erst jetzt ist es aber gelungen, 450 Aufnahmen von Kindern, die durch Kriegseinwirkungen von ihren Eltern getrennt wurden und heute in der Bundesrepublik und in der Sowjetzone leben, in einem gemeinsamen Bildheft zu veröffentlichen. Es soll dazu helfen, Kindern ihren Angehörigen wieder zuzuführen. Unter den 40 000 Suchanträgen von und nach Kindern befinden sich noch 950 Anträge für Findelkinder, deren Namen unbekannt oder zweifelhaft ist. Das erschütternde Bildheft wurde in einer Auflage von 50 000 Exemplaren gedruckt und etwa zu gleichen Teilen in der Bundesrepublik und der Sowjetzone verteilt. In Behörden, in Wartezimmern, überhaupt an Stellen mit Publikumsverkehr liegt es zur Einsichtnahme aus. In relativ kurzer Zeit gingen schon rund 40 Meldungen mit brauchbaren Hinweisen ein. Immer wieder kommt es vor, daß Eltern, die ihre Kinder vermissen, erst durch das Rote Kreuz von ihrem Aufenthalt erfahren. Manche Anzeige in den Wirren der ersten Nachkriegsmonate erreichte den Suchdienst nicht, und so gaben viele Eltern ihre Nachforschungen entmutigt auf, anstatt später noch einmal nachzufragen. Jeder sollte in das Bildheft des Roten Kreuzes hineinsehen und keinen Hinweis verschweigen, der irgendwie doch von Nutzen sein kann. Vergessen wir die unschuldigsten Opfer des Krieges nicht, die immer noch – und schon wieder – ohne ein Zuhause sind. sp.