Die Haltung, die Nehru zum sowjetischen Gewaltstreich in Ungarn einnahm, wird in der westlichen Welt nicht eindeutig beurteilt; ja der indische Ministerpräsident, der vor nicht allzulanger Zei: als der große mahnende Freund des Friedens und der Freiheit überall gefeiert wurde, wo er in Europa weilte, blieb nicht von dem Vorwurf verschont, daß er die Engländer und Franzosen wegen Suez hart verurteile, die Sowjets wegen Ungarn jedoch so milde tadle, als sähe er sich genötigt, auf die Machthaber im Kreml Rücksicht zu nehmen. Was wirklich geschah, zeigt folgende Zeittafel:

29. Oktober: Die Sowjets haben zum ersten Male ihre Truppen gegen die ungarische Erhebung eingesetzt, aber noch scheint die Sache der Freiheit nicht verloren zu sein. Zu diesem Zeitpunkt erklärt ein indischer Sprecher, Indien sei nicht der Ansicht, daß sich die sowjetischen Truppen in die inneren Angelegenheiten Ungarns eingemischt hätten. Nehru selbst sagte: „Ein kluger Mann sollte mit seiner Stellungnahme warten.“

5. November: In der Abstimmung in der UNO-Vollversammlung über die amerikanische Resolution, in der die Sowjetunion zum Abzug ihrer Truppen aus Ungarn aufgefordert wird, enthält sich Indien – wie die Mehrzahl der asiatischen Länder – der Stimme.

Am gleichen Tage jedoch erklärte Nehru in Neu-Delhi vor der Vollversammlung der UNESCO: „Wir sehen heute in Ägypten und Ungarn, wie menschliche Würde und Freiheit vergewaltigt und die Gewalt moderner Waffen angewandt wird, um die Völker zu unterdrücken und politische Ziele zu erreichen ... In Ungarn haben sich die von der Sowjetunion propagierten Prinzipien einer friedlichen Koexistenz jetzt offensichtlich als bloße Worte ohne Bedeutung für jene herausgestellt, die das Recht für sich in Anspruch nehmen, Probleme durch Gewalt zu lösen.“

7. November: Nach den unzähligen Demonstrationen gegen England und Frankreich kommt es in Dehli zur ersten antisowjetischen Kundgebung. Die Menge ruft: „Hände weg von Ungarn!“

8. November: Nehru sendet eine Botschaft an den sowjetischen Ministerpräsidenten Bulganin, rät dringend von einem gewaltsamen Eingreifen der Sowjetunion in der Nahost-Krise ab und sagt abschließend: „Ich danke Ihnen für Ihre Bereitschaft, mir Informationen über die Ereignisse in Ungarn zukommen zu lassen. Wie Sie wissen, haben die Vorgänge in diesem Lande bei uns große Besorgnis ausgelöst.“

Der indische Delegierte Krishna Menon gibt vor der UNO zu verstehen, auch Indien mißbillige das Verhalten der Sowjets.