Melbourne, Ende November

Die Abenddämmerung brach schon herein, als der amerikanische Neger Charles Everett Dumas die Latte, die auf 2,12 m stand, überflog und mit diesem Hochsprungrekord eine Goldmedaille gewann. Um sieben Uhr früh war er aufgestanden, hatte den ganzen Tag – einen heißen Tag – im Stadion verbracht, zweieinhalb Sandwiches gegessen, eine Handvoll Rosinen, ein gekochtes Ei und ein Glas Wasser zu sich genommen. Inzwischen war es kühl geworden, die Zuschauer im vollgepropften Stadion zogen ihre Mäntel an.

Dumas hatte nur diesen einen Sprung zu machen. Den ganzen Tag über hatte er im Trainingsanzug neben dem Mast der olympischen Fahne im Grase liegend vor sich hingedöst – bis endlich die Reihe an ihn kam. Er stand auf, lief einmal durch das Oval des Stadions und zurück, machte eine Freiübung, das heißt, er berührte – die Knie durchgedrückt – mit den Handflächen einmal leicht den Boden, kehrte dann zu seinem Fahnenmast zurück und zog – sehr langsam – sein Trainingszeug aus. Alsdann nahm Dumas einen kurzen Anlauf, riß sich hoch und drehte sich in einer plötzlichen Spiralbewegung federnd über den Sprung. Ein Blitzlicht flammte auf. Die Menge brüllte, als er auf der anderen Seite im Sand landete.

So gibt es jeden Tag ein paar Sekunden, die die Massen in Erregung versetzen, immer dann, wenn einer schneller läuft, höher springt oder weiter wirft als irgendein anderer in der ganzen Welt. Es ist kein Wunder, daß zur Zeit in den Zeitungen Melbournes den verzweifelten Kartenwünschen privater Inserenten mehr Platz zugestanden wird, als der Krise der westlichen Politik. Dieses völlige Aufgehen im olympischen Spiel ist dadurch verstärkt worden, daß die Australier – die wahrscheinlich skeptischste Nation der Erde – nicht wirklich geglaubt hatten, daß die Spiele in ihrem Land überhaupt je stattfinden würden. „Wir haben es geschafft“, verkündete denn auch die Schlagzeile einer großen Zeitung, als die Spiele tatsächlich begannen. Wenn das Stadion am Vorabend der Eröffnung zusammengebrochen wäre, hätte man darüber kaum gestaunt, weil ein so allgemein erwartetes Ereignis nicht als Neuigkeit gewertet worden wäre.

Nachdem dann das Stadion die Eröffnung gut überstanden hatte, zeigten sich jedoch die Organisatoren der Spiele nicht von ihrer erfolgreichsten Seite – jedenfalls nicht, was die tägliche Abwicklung der Kämpfe anbetrifft. Allerdings setzen die Sportler heutzutage auch eine Menge voraus. Wenn man sie warten läßt und nicht alles planmäßig abläuft, reagieren sie wie eine Filmdiva. Es scheint ihnen unverzeihlich, von einem Sportler zu verlangen, daß er seinen Adrenalin-Spiegel auch nur eine halbe Minute länger als erwartet auf jener Höhe hält, die ihn zu Bestleistungen befähigt.

Noch 1948, bei den Olympischen Spielen in London, dachte sich keiner der Teilnehmer etwas dabei, wenn er vom olympischen Dorf bis zum Stadion mit der U-Bahn fahren mußte. Heute, acht Jahre später, würde selbst ein vollkommen aussichtsloser Anwärter auf den olympischen Lorbeer eine solche Zumutung als Beeinträchtigung seines Leistungsvermögens rundweg ablehnen. Sturheit und Rücksichtslosigkeit sind in der Tat die wesentlichsten neuen Züge dieser Olympiade. Da ist niemand, der nicht Großbritanniens Entschluß, einen nur wenige Wochen trainierten Achter an den Ruderwettkämpfen teilnehmen zu lassen, für völlig absurd hält. Einige der hier errungenen Siege sind nicht weniger als vier Jahre im voraus geplant worden. Der Russe Kuts zum Beispiel konnte den Engländer Pirie auf den 10 000 Metern nur dadurch zur Strecke bringen, daß er sich viele Monate vorher einem bis auf die Sekunde eingeteilten Plan unterwarf.

Die jüngste Entdeckung aber ist etwas, was niemand vorher genügend bedacht hatte: die Akklimatisierung. Wohl waren die Ungarn vor einem Jahr hier, lediglich um die örtlichen klimatischen Verhältnisse zu studieren. Sie und viele andere Sportler sind inzwischen darauf gekommen, daß drei Wochen Training in einem fremden Klima bei weitem zu wenig ist, um in Höchstform zu kommen. Man kann daher für die nächsten Spiele – sie finden in vier Jahren in Rom statt – mit einiger Sicherheit voraussagen, daß die Teilnehmer schon Monate vor dem Eröffnungstag zur Stelle sein werden.