Des Dichters Nachlaßdrama nun doch auf dem Broadway

New York, im November

Die Sensation für Amerika ist, daß diese Aufführung überhaupt stattfand. O’Neill hatte in seinen nachgelassenen Notizen sie – für Amerika – erst für ein halbes Jahrhundert später festgesetzt. Nicht, wie vielfach vermutet wird, jener unableugbaren Bitterkeit wegen, die ihm die gesamte Broadway-Atmosphäre immer verursacht hat. Vielmehr, weil er das hier von ihm entworfene unerbittliche selbstbiographische Familienbild der allzu neugierdegekitzelten Kenntnis der Zeitgenossen – zumindest der amerikanischen – entziehen wollte. Seine Witwe aber kapitulierte vor der Bekanntmachung, die ohnehin durch die – von O’Neill selbst noch verfügte – Stockholmer Uraufführung und durch das Erscheinen der Buchausgabe vollzogen worden war. Dem jungen Broadway-Regisseur Josè Quintero fiel die vielbeneidete Ehre zu. diese Lange Tagesreise in die Nacht („Long Days’ Journey Into Night“) den, wie bei O’Neill immer, etwas verstörten New Yorkern darzubieten.

Dieser vom frühen Morgen an düster und drohend umdämmerte Tag aus der Jugendzeit des Dichters ist ein voller und vollendeter O’Neill. Dessen „mystischer Realismus“ waltet auch hier, umschattet seine oft auf krasseste Art wirklichen Gestalten mit einem seltsam unwirklichen Schimmer, ihre vom Dämon der Lieblosigkeit besessene Zerfahrenheit. Als seien sie alle erdrückende Traumgestalten, spukhaft undurchsichtig. Es sind fast vier Stunden lang sich mit Vorwürfen, Beschuldigungen, Enthüllungen und Selbstzerfaserungen zerfleischende Protagonisten des Hasses und der Verzweiflung, auf einer Bühne, deren-symbolisch unveränderte Einzimmerdekoration gleichwohl einen immer bedrückenden Stimmungswechsel bietet: der bombastisch geizige Vater, der ein leichtfertig verhärteter Routine-Schauspieler ist, die zur resignierten Morphinistin gewordene Mutter, der haltlos amoralische ältere und der lungenkranke, unsicher anklagevolle jüngere Sohn (wohl der junge Eugene O’Neill selbst). Es ist ein furchtbarer Kreislauf der Ausweglosigkeit, in dem sich diese Fanatiker der Selbstaufgabe bewegen, und eine große Abrechnung’ des Dichters mit einer Vergangenheit, die jetzt ein posthumes grelles Licht auf manche innere Gehetztheit und Zerquältheit seiner Tragödien wirft.

Als Drama ist diese „nächtliche Tagesreise“ äußerlich eher statisch, innerlich aber von gewaltigem Leidenstempo und erfüllt mit heiligem Zorn. Man darf an Strindbergs selbstbiographische Erbitterungsräusche denken, und ein lokaler Kritiker vergleicht das Werk auch mit einem Dostojewskij-Roman, dessen Text offenbar Strindberg geschrieben habe. Aber O’Neills Eigenbesitz ist dieser gleichsam rhythmische Realismus, die hämmernde und rüttelnde Melodik eines schrillen, schroffen, schneidenden Dialogs. Kein Wunder, daß der alternde Dichter, als er mit den kläglich zitternden Händen der „Parkinson-Krankheit“ dieses Furioso einer ergebnislosen Rechenschaftsforderung niederschrieb, im Zweifel war, ob dies je veröffentlicht werden könne. Denn es schrieb, ein selbst schonungslos anklagender Sohn, dies nieder, ein fast verachtungsvoller Geringschätzer seiner selbst. Aus dem „gespenstersonatenhaften“ Familienbild wurde aber – und schon stellt New Yorks Rezensentengarde es in der Wertschätzung neben „Trauer soll Elektra tragen“ – eine mit antiker Wucht und Abvägung in einen kalten Himmel ragende Tragödie.

Die Aufführung im Helen Hayes-Theater bietet in dem Schauspielerehepaar Frederik March und Florence Eldrige die seit langem gewaltigste Erschütterung der Broadwaybühne. March ist als der vom berühmteren, aber auch schwerblütigeren Sohn beinahe schon legendär gemachte O’Neill-Vater, der Sensationsstück-Spieler, Wanderkomödiant, „knausrige Verschwender“, Pflicht- und Liebe-Vergeuder, bestrickend unbekümmerte Lügner, Prahler, Wortfeilscher ... von einer prachtvoll impulsiven Treuherzigkeit, ein scharfzüngiger Heuchler von durchdringender Eleganz; Frau Eldrige die zarteste Silhouette einer morbiden Seele und daneben die beiden Söhne, der fragwürdige Jason Robards und der selbstbildnerische Bradford Dillmans hinreißend inspiriert in ihrer Mischung von redseligem Selbstbetrug und ehrlicher Zerbrochenheit... e. u.