Weit verbreitet ist nun die Ansicht, die Polen hätten es viel gescheiter gemacht als die Ungarn. Stimmt das? Auf den ersten Blick ist man geneigt, es zuzugeben, weil man nach dem Ergebnis urteilt. Die Ungarn stehen vollkommen recht- und einflußlos unter der Herrschaft der Roten Armee, während Wladislaw Gomulka, der polnische Parteisekretär, aus Moskau ein Abkommen heimgebracht hat, das den Polen immerhin eine Art Mitbestimmung einräumt. Dasselbe, so sagt man, hätten die Ungarn erreichen können, wenn sie weniger stürmisch vorgegangen wären, wenn sie sich an das „zweistufige Verfahren“ gehalten hätten, das in der Politik immer empfehlenswert ist.

Sieht man genauer hin, so entdeckt man, daß dieses Urteil oberflächlich ist. In der Tat, Gomukas Abkommen mit den Kremltyrannen kann sich sehen lassen. Zwar haben sie durchgesetzt, was sie für das Wichtigste halten, nämlich das Verbleiben sowjetischer Truppen auf polnischem Boden, aber Polen hat die scheußliche Zwangsjacke des Satelliten wenigstens zum Teil abgestreift. Bemerkenswert ist schon, daß von einer Ähnlichkeit der außenpolitischen Ansichten Moskaus und Warschaus die Rede ist. Üblicherweise spricht man nach solchen Konferenzen von einer Übereinstimmung, so daß das Wort Ähnlichkeit wie eine Bestätigung von Gegensätzen wirkt. Ferner wird das Verbleiben sowjetischer Truppen dreimal als vorübergehend bezeichnet und hinzugefügt, daß es zu keiner Einmischung in die inneren Angelegenheiten Polens führen darf.

Nach der vielfältigen Erfahrung mit sowjetischer Vertragstreue könnte man diese Einschränkungen für völlig wertlos halten. Moskau treibt immer nur die rücksichtsloseste Machtpolitik, und wo seine Truppen stehen, fällt es ihm noch leichter als sonst, jede Zusage zu brechen. Damit kommen wir zum springenden Punkt dieser Untersuchung: Die Annahme, daß Gomulka doch etwas mehr heimgebracht hat als papierene Versprechungen, gründet sich fast ausschließlich auf Moskaus Erlebnisse in Ungarn. Diese nämlich waren und sind für den Kreml eine Warnung, die er nie mehr vergessen kann.

Anders gesagt: Der Kreml wird die Ansprüche Gorriulkas soweit achten, als es notwendig ist, um eine „ungarische Entwicklung“ in Polen zu vermeiden. Was die Polen nun an Freiheit gewonnen haben, verdanken sie also zum größten Teil dem Heldenmut der Ungarn. Zum größten Teil, aber nicht allein. Sie haben ja auch selbst gekämpft, und es wäre ungerecht, das deshalb zu vergessen, weil es durch den Kampf der Ungarn übertroffen wurde.

Die ganze Wahrheit lautet demnach, daß die Erhebungen in Polen und Ungarn einander ergänzt haben. Die schwächere Erhebung in Polen wäre vermutlich erstickt worden, wenn ihr die stärkere in Ungarn nicht nachgefolgt wäre, aber jener bleibt der Ruhm, vorangegangen zu sein.

Man sieht daran, daß alle Gefolgsstaaten durch eine echte Schicksalsgemeinschaft verbunden sind. Zu ihnen gehört auch das ostelbische Deutschland, und darum geben sich die Kremler die größte Mühe, die künstliche Grenze, die an Oder und Neiße zwischen Deutschen und Polen eingerichtet worden ist, zu einem unüberspringbaren Graben auszuweiten. Sie wollen damit die Tatsache vergessen machen, daß Polen nie frei sein wird, solange die Sowjets auf deutschem Boden stehen, und daß Deutschland nie sicher sein kann, solange Polen nicht frei ist.

Eine der wichtigsten Lehren der jüngsten Ereignisse ist daher, daß sich Polen und Deutsche verständigen müssen. Professor Wilhelm Grewe, der Völkerrechtsfachmann des Bonner Außenamts, verdient Zustimmung, wenn er schreibt: „Viel wird davon abhängen, daß die Polen begreifen, die Sicherung ihres Staates gegen Deutschland nötige sie nicht, den Schutz der Roten Armee zu suchen. Ihnen das begreiflich zu machen, wird eine wichtige Aufgabe der deutschen Politik sein...“

Je mehr Polen der Eigenschaft eines Gefolgsstaates entwächst, desto eher wird ein deutschpolnisches Gespräch denkbar. Desto eher werden auch die Polen Freunde statt Feinde der Wiederherstellung des Deutschen Reiches. Man ersieht daraus, daß der Heldenkampf der Ungarn nicht nur den Polen geholfen hat, sondern auch den Hoffnungen der Deutschen zugute gekommen ist. Tatsächlich ist es keine hohle Phrase, wenn man feststellt, daß die Blutzeugen Ungarns für die ganze Menschheit gestorben sind. Sogar der immer moskaufreundliche Pariser Monde hat sich zu dem Bekenntnis durchgerungen, daß man jetzt stolz sein müßte, wenn man ungarisches Blut in den Adern hätte. Robert Ingrim