Frage des Richters: „Das sollen wir Ihnen glauben, Herr Dr. John?“

G. Ziegler, Karlsruhe, Ende November

Zwei Wochen sind jetzt vergangen, seit Kriminalbeamte zum erstenmal den Dr. Otto John aus dem Karlsruher Gefängnis Riefstahlstraße in den Bundesgerichtshof brachten. Seit zwei Wochen wird im ehemaligen Großherzoglichen Palais an der harten Nuß des „Falles John“ geknackt. Bisher zeigte die Schale nur Risse; der Kern ist auch in der zweiten Prozeßwoche noch nicht freigelegt. Obwohl schon über 40 Zeugen vernommen worden sind, kann man nur ahnen, was in der Nacht des 20. Juli 1954 geschehen ist.

Schon zu Beginn des Prozesses war Dr. John vom Gericht gefragt worden, ob er in Karlshorst nicht wenigstens einmal den Versuch unternommen habe, seine Gegner abzutasten, wie weit sie sich Widerstand gefallen ließen. Schon diesen Klärungsversuch hatte er schlecht überstanden. Eine zweite Erörterung dieses Komplexes fiel nicht überzeugender aus. So ging man in die nächste Sitzung mit dem unbehaglichen Gefühl, noch einmal das deprimierende Schauspiel zu erleben, auf forschende Fragen stereotype – wie auswendig gelernt klingende- – Antworten hören zu müssen. Und dann ballte sich plötzlich ein Gewitter zusammen. Man spürte förmlich, wie den Richtern das Blut in Wallung geriet bei Dr. Johns ständigem „Ich konnte mich doch gar nicht anders verhalten“.

Dr. John in einer anderen Welt

Schon schlugen die Blitze ein: „Wie konnten es die Russen wagen, schon nach drei Wochen einen ‚mit List und Gewalt entführten Mann‘ der Weltpresse vorzuführen? Wie konnten sie das Risiko auf sich nehmen, daß ihr ‚Opfer‘ auf der Pressekonferenz am 11. August 1954 nicht das Verbrechen seiner Entführung in die Welt hinausschrie? Mußte dieser Mensch nicht in kürzester Zeit das absolute Vertrauen des mißtrauischsten aller Nachrichtendienste erworben haben? Wie geschah das? Sie verschweigen uns etwas, Herr Dr. John!“

Der Mann, an den diese Fragen gerichtet waren, schien in einer ganz anderen Welt zu leben. So jedenfalls klang seine unbeholfene, mit tränenerstickter Stimme vorgebrachte Antwort: „Gewiß ist in gewissem Umfang propagandistischer Schaden angerichtet worden.“