Die Industrie der Zauberer, die Textilveredelungsindustrie, hat schwere Sorgen. Die ständigen Lohnerhöhungen und die nunmehr bevorstehende Arbeitszeitverkürzung mit indirekter Lohnerhöhung und Betriebskostensteigerung lassen das gesamte Gebäude der Kalkulation und Ertragsrechnung zusammenbrechen. In der Textilveredlung beträgt der Lohnkostenanteil rund 30 v. H. Diese Kosten sind in den letzten Monaten, wie Dr.-Ing. Guido Ziersch, der Vorsitzende des Gesamtverbandes der deutschen Textilveredlungsindustrie e. V., auf einer Pressekonferenz mitteilte, bis zum Betrag von 6 v. H. des Umsatzes gestiegen. Unabhängige davon belasten die Energiekosten das Gesamtbild weiter.

Das Preisniveau der Textilveredlung ist bedroht und kaum aufrechtzuerhalten, war zu hören. Der größte Teil der Aufträge wird als Lohnauftrag verarbeitet. Die Kundschaft, vor allem in modischen Artikeln, pflegt sehr kurzfristig zu disponieren, so daß Zeiten des Leerlaufs und der Minderbeschäftigung mit Zeiten ausgesprochener Auftragsstöße und hoher Überstunden abwechseln. Eine Verkürzung der Tarifarbeitszeit bedeutet also Zugleich eine Vorverlegung des Beginns der Überstundenzahlung und somit eine progressive Lohnkostenerhöhung.

Dabei handelt es sich nicht um geringe Größenordnungen. In den ersten acht Monaten 1956 haben sich die Lohnveredlungsentgelte der rund 450 Betriebe der Textilveredlung auf knapp 340 Mill. DM gestellt, so daß ein Jahresumsatz von etwa 530 Mill. DM erwartet wird. Alle Rationalisierungsmaßnahmen sind in ihrer Wirksamkeit abhängig von der Auftragsdisposition der Kundschaft, die jedoch bei weitem noch nicht gewillt ist, die notwendigen Forderungen zur Verbilligung zu erfüllen. Diese Forderungen beziehen sich auf den Wunsch, die Rohware in Breite, Einstellung und Stücklänge zu standardisieren, die Veredlungsaufträge zu rationellen Partiegrößen zusammenzufassen und allzu übertriebene modische Ansprüche der Verbraucher zu stoppen.

Der kritische Verbraucher, der nur zu ungern die Preiserhöhungswünsche der Fabrikanten hört, pflegt zwei Dinge miteinander in Beziehung zu setzen: den Preis im Schaufenster und das, was die Fabrik bekommt. So aber ist es bei weitem nicht. Auf der Igedo in Düsseldorf haben wir eine repräsentative Testfrage durchgeführt. Dabei hat sich ergeben, daß die sogenannten guten Modehäuser untereinander Absprachen über ihre Aufschläge innehalten und daß diese Aufschläge auf den Bezugspreis ab Hersteller 120 bis 140 v. H. betragen. Ein Kleid oder ein Kostüm, das für 320 DM im Fenster liegt, und das kaum länger als drei Wochen Liegezeit hat, ist mit etwa 120 bis 140 DM eingekauft worden. Wenn dann zu Hause über die Preise geschimpft wird, pflegt die Familie zu sagen: Die Fabrikanten verdienen, was sie wollen. Aber ist mit einer solchen Betrachtung nicht vielleicht doch völlig verkannt, wo das Schwergewicht der Preisbemessung liegt? Rlt.