Rang und Bedeutung eines Museums richten sich nicht ausschließlich nach dem zahlenmäßigen Bestand an Meisterwerken. Das ist genauso binsenwahr wie der Satz, daß einheimelnde Atmosphäre und Wohlgestimmtheit der Räume künstlerische Qualität nicht ersetzen können. Das Oldenburger Schloß, dessen Alte Galerie jetzt wiedereröffnet wurde, gehört zu den glücklichen Museen, die beides besitzen: Substanz und Atmosphäre. Für das erste bürgen Namen wie der Ältere Cranach und Holbein der Jüngere (mit dem Bildnis des Stadtschreibers Petrus Aegidius von 1526), Philips Wouverman und die Rembrandtschüler. Ein Beispiel für die Unwiderstehlichkeit seiner Atmosphäre: Ein Ehepaar aus Paris, passionierte Kunstsammler und in allen europäischen Museen zu Hause, kam nach dem Krieg zufällig nach Oldenburg, besichtigte das Schloß und war dermaßen entzückt von dem Oldenburger Aroma, diesem altertümlichen, unaufdringlichen und herben Duft seiner großen, großherzoglichen Vergangenheit, daß es seine eigene kostbare Sammlung von Möbeln und Gerät des 18. Jahrhunderts dem Oldenburger Museum stiftete. Sie sind 1954 als Vermächtnis des Pariser Sammlers nach Oldenburg gekommen.

Die Alte Galerie hat eine abenteuerliche Vergangenheit. Ihren Ursprung verdankt sie gewissermaßen der Tatsache, daß im Jahre 1799 die Bourbonen aus Neapel vertrieben wurden; Mit ihnen verließ auch der Direktor der dortigen Kunstakademie, Joh. Heinr. Wilhelm Tischbein, die Stzdt, in die er 1787 als Goethes Reisebegleiter, künstlerischer Mentor und Porträtist ("Goethe in der Campagna" neben einem Relief, auf dem Orest und Pylades vor Thoas stehen ...) gekommen war. Nach mancherlei Umwegen ließ er sich in Eutin nieder, das zum Herzogtum Oldenburg gehörte. Dem Herzog Peter Friedrich Ludwig verkaufte er seine hervorragende Gemäldesammlung, die er in Italien zusammengebracht hatte, und mit diesen 86 Bildern war der Grundstock der Oldenburger Galerie Alter Meister gelegt. Sie wurde bedeutsam ergänzt und ausgebaut, bis in den Jahren der Inflation die Katastrophe über sie hereinbrach – die wertvollsten Gemälde, darunter drei Rembrandt-Bilder, gelangten auf dunklen Wegen ins Ausland. Vor diesem historischen Hintergrund bedeutet die Wiedereröffnung der Alten Galerie eine bewundernswerte Leistung. Es sind unter den etwa 400 Bildern viele "Rückkehrer", manche wurden aus dem Ausland zurückgekauft, einige durch Schenkungen erworben. Wo die Lücken nicht mehr zu schließen waren, hat man sich um Ersatz bemüht – statt der endgültig verlorenen Rembrandts hat man sich in einem Akt kluger Selbstbescheidung für das Erreichbare, die Rembrandt-Schule entschieden.

Im Auftrag des Oldenburger Herzogs hat Tischbein den berühmten Zyklus seiner "Idyllen" gemalt – eine höchst merkwürdige Mischung aus Rokoko und Romantik und pompejanischen Erinnerungen, die mitunter geradezu surrealistisch anmutet (ein Mädchen vom Hamburger Obstmarkt segelt als "Göttin der Obstbäume" auf einem streng stilisierten Baum durch einen grün-violetten Himmel). Goethe hat die gemalten Allegorien seines Freundes in vielen Versen gedeutet. "Wenn, in Wäldern, Baum an Bäumen, Bruder sich mit Bruder nähret, Sei das Wandern, sei das Träumen Unversehrt und ungestöret: Doch, wo einzelne Gestalten Zierlich miteinander streben, Sich zum schönen Ganzen stellen, Da ist Freude, da ist Leben" ...

Das Idyllenzimmer gehört aber schon nicht mehr zur Alten Galerie, sondern in die schlechterdings unabsehbare Flucht historischer Räumlichkeiten. Eine Überfülle an künstlerisch oder volkskundlich bedeutsamen Dingen ist in den mehr als hundert Zimmern, Kabinetten, Sälen und Gängen nicht angehäuft, sondern geordnet. Jeder Raum bewahrt bis in die Farbe der Wände und die Gestaltung von Decken und Fußböden den eigenen Klang, er ist karg oder üppig oder ländlichderb oder höfisch, und wie ein sorgsam gewählter Rahmen faßte er die einzelnen Dinge zum Bild einer bestimmten gesdchichtlichen Stunde zusammen. Der Faden, der den Besucher durch diese labyrintischen Räume der Vergangenheit leitet, ist das "Heimatliche": was immer er hier findet, steht mit dem Land und der Landschaft in Beziehung. DiegotischePlastikstammt aus Oldenburger Kirchen. Ludwig Münstermann, der geniale Bildhauer des Frühbarock, ist vorwiegend im Oldenburgischen tätig gewesen. Das Münzkabinett gibt einen numismatisch gedrängten Überblick über die Landesgeschichte einschließlich jenes Jahrhunderts, in dem Oldenburg zu Dänemark gehörte. – Ein Heimatmuseum? Der "Heimatgedanke" ist in der Kunst auf unverantwortliche Weise in Mißkredit geraten. Er gilt als provinziell, und es sind, noch schlimmer,die grundsätzlichen Gegner alles Modernen, die sich mit Vorliebe auf "heimatliche Belange" berufen. Dr. Herbert Wolf gang Keiser, der Direktor des Oldenburger Landesmuseums, gehört gewiß nicht zu den Rückwärtsgewandten. Er hat vor Jahren die erste deutsche Calder-Ausstellung eröffnet, und er hat, bevor er die "Alte Galerie" aufbaute, sich erst einmal um eine "Galerie der Neuzeit" bemüht, in der sich moderne und heimatliche Tendenzen organisch und selbstverständlich verbinden. Es sind vorwiegend Künstler aus Oldenburg und dem angrenzenden Raum vertreten. Und selbst bei den "Brücke"-Malern ist eine landschaftliche Beziehung gewahrt: Heckel und Schmidt-Rottluff malten 1907 und 1908 in Dargast an der Oldenburgischen Küste – Bilder aus den Dargaster Jahren, hängen in der Galerie.

Daß die zeitgenössische Kunst im Oldenburger Schloß nicht zu kurz kommt, beweisen die monatlich wechselnden Ausstellungen im "Studio". Im Augenblick sieht man dort – im Rahmen einer großen Reihe, die Keiser unter das Thema "Die verschiedenen künstlerischen Techniken" gestellt hat – Druckgraphik von Erwin Haß, Kurt Bunge und W. F. Blaschke, die an der Burg Giebichenstein bei Halle unterrichten. Ihre Arbeiten gehören zum lebendigsten und interessantesten, was heute in der Sowjetzone produziert wird. Gleichzeitig veranstaltet der Oldenburger Kunstverein eine Ausstellung "Neue Werkstoffe". Das Oldenburger Schloß ist groß genug, um die verschiedensten Abteilungen, Historie und Gegenwart, Idylle und Unruhe zu beherbergen. Gottfried Sello